Montag, 1. September 2014

„ ... hält man sie gegen das Licht, so tun sie eine überraschende Wirkung” *

Auf unserem kleinen Sonntagsausflug sind wir gestern mal wieder in der „Altkolonie” Rheinhessen gewesen. Ich bin dort geboren und sechs Jahre lang aufgewachsen, und bis heute verspüre ich heimatliche Gefühle, wenn ich den Rhein nach Westen überquere. Zur Marseillaise singe ich heimlich immer das Lied der freien Wöllsteiner ... 




Erste Station machten wir in Bechtheim und besichtigten die Basilika St. Lambert. 





Leider war die Krypta nicht zugänglich, aber das schöne Kirchenschiff und die ein bisschen britisch wirkende Friedhofsanlage haben uns gut gefallen.

Wir sind dann in Kirchheim-Bolanden gelandet, wo leider ein bisschen „der Hund begraben war” - das schöne Städtchen war wie ausgestorben und das trübe Wetter machte die Lage auch nicht freundlicher. Zu einem kleinen Spaziergang und einem Eis auf dem Marktplatz hat's dann doch gereicht.

Kirchheim-Bolanden hat eine stolze republikanische Tradition - seit 1872 erinnert ein Denkmal an die gefallenen Freischärler der 1848-Demokratie und das Gefecht bei Kirchheim-Bolanden. Im Sockel birgt es eine Urkunde mit diese Text:

 „Im Jahre 1848–1849 hat die vom deutschen Volke gewählte deutsche Reichsversammlung in Frankfurt a. M. eine deutsche Reichsverfassung auf gesetzlichem Wege berathen und festgestellt, deren Ein- und Durchführung sich jedoch verschiedene deutsche Fürsten gegen den Wunsch und das Wohl des Volkes widersetzten. Die Bevölkerung der bairischen Pfalz und von Baden trat für ihr gutes Recht ein, ihre dafür streitende Volkswehr aber wurde von der Uebermacht der von den Fürsten gegen sie aufgebotenen Heere besiegt und die Hoffnung auf die Schaffung eines einigen, freien deutschen Reichs in damals unabsehbare Ferne hinausgerückt. An diesem Kampfe für sein gutes Recht wurde das pfälzische Volk von vaterlands- und freiheitsbegeisterten Männern und Jünglingen aus der rheinhessischen Nachbarprovinz unterstützt, welche eine Freischaar bildeten, die am vierzehnten Juni 1849 den ersten Kampf gegen eine in die Pfalz einrückende preußische Heeresabtheilung hier in Kirchheimbolanden zu bestehen hatte, wobei die nachstehend Aufgeführten (folgen die Namen) den Heldentod für Freiheit und Vaterland starben und auf diesem Friedhofe ihre letzte Ruhestätte fanden.“

Im Ort führt ein markierter „Freischarrundweg” zu Stationen dieser Geschichte, leider haben wir die nur zufällig gefunden. Eine Broschüre dazu habe ich inzwischen bei der Stadt angefordert, gestern war sie leider nirgends zu kriegen ...










Das Wetter war nicht freundlich mit uns - es begann zu regnen, und so muss die Liste der Kulturdenkmäler Kirchheimbolandens bei wikipedia weiter auf eine ganze Reihe fehlender Fotos warten. Bei Gelegenheit ... 



Beängstigender Hinweis im Eiscafé 


Auf dem Heimweg klarte es noch einmal auf, und so spazierten wir noch für eine Stunde durch Oppenheim. 


Der „rheinhessische Dom”, die Katharinenkirche, ist ein wirklich beeindruckendes Baudenkmal. 



Neben den wunderbaren Fenstern 


und einer Reihe gut erhaltener Grabsteine 

Grab der Anna von Dalberg, + 1410. Bedeutendes Denkmal im „weichen Stil”
mit früher Verwendung deutscher Sprache 

erinnert der Deckel des Taufbeckens an Paul Wallot, den Architekten des Reichstagsgebäudes, der aus Oppenheim stammte. 



Im Beinhaus der Kapelle liegen die Knochen von fast 20.000 OppenheimerInnen, die über Jahrhunderte auf dem viel zu kleinen Friedhof, der darüber hinaus durch besondere geologische Formationen die Verwesung beeinflusste (und das Grundwaser vergiftete ...), bestattet und später dort untergebracht wurden. Ein beeindruckendes Memento Mori. 






* „Ist die architektonische Ausführung höchst befriedigend, so setzen die gemalten Fenster mit ihren alleräußersten Einzelheiten in Verwunderung; hält man sie gegen das Licht, so tun sie eine überraschende Wirkung” schrieb der Geheimrat 1828. Dem ist wie üblich nichts hinzuzufügen. 


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