Montag, 22. September 2014

Warum denn in die Ferne schweifen ... ?!

Am diesjährigen Tag des offenen Denkmals haben wir nachmittags zwei „Objekte” in unmittelbarer Nachbarschaft besucht.

Zuerst fuhren wir nach Malchen, wo die kleine, 1514 ersterwähnte und heute evangelische Dorfkirche geöffnet war.

Die Kirche in Malchen (Seeheim-Jugenheim) von Westen

Malcher Kirche von Osten


An der Innenwand haben sich Fresken aus der vorreformatorischen Zeit erhalten. In den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts wurden sie freigelegt, dabei entstand auch die nicht authentische Bemalung der Decke. Vor einigen Jahren sind die Bilder dann noch einmal gesichert worden. Es handelt sich um nicht besonders hochwertige Malerei, wohl nach Schablonen, die wahrscheinliche eine reisende Malertruppe hier angebracht hat. Schön, dass sich dieser Schatz in dem Kirchlein erhalten hat - und schade, dass die Protestanten nach wie vor dazu neigen, ihren Herrgott in der Kirche einzuschließen, statt ihm, wie die Katholiken das tun, wenigstens Besuchsfreiheit zu gewähren ... Das macht den Zugang zu solchen Schätzen, die immerhin nicht nur aus den ziemlich öffentlichen Kirchensteuern, sondern gerade im Fall erhaltenswerter Denkmäler auch aus unmittelbar öffentlichen Geldern gefördert wurden, leider oft kaum möglich.  Der Gesamteindruck des Kirchleins könnte übrigens erheblich verbessert werden, wenn die schrecklichen 50er-Jahre Kronleuchter verschwänden ...

Malcher Kiche. Passionszyklus-Fresken aus dem frühen 16. Jahrhundert


In unmittelbarer Nähe steht das letzte erhaltene Wäschetrockenhaus des kleine Dörfchens, wo viele Jahrzehnte lang die Wäsche der Darmstädter gewaschen, getrocknet und gebügelt wurde.*

Malchen (Seeheim-Jugenheim). Letztes erhaltenes Wäschetrockenhaus.

Die typischen verstellbaren Jalousien an den stets geöffneten Fenstern 

Von hier aus fuhren wir über Biblis an den Rhein nach Nordheim, wo der Fährhausturm von 1901 an den Rheinübergang mit einer Gierfähre erinnert.


Der Fährtum bei Nordheim

Historisches Foto der Nordheimer Gierfähre (1898)

Modell der Gierfähre 
Schon 1364 gibt es eine erste Erwähnung einer Rheinfähre bei Nordheim. 

Die „moderne” Fähre von 1894 wurde ohne Motor, vom Druck des Wassers und gelegentlich von seitlich angebrachten Segeln unterstützt, betrieben. Indem der Fährmann das Boot an der über 500 m langen Kette, die mitten im Rhein verankert war, schräg in den Fluss stellte, schob der Wasserdruck sie in die gewünschte Richtung. Leider zeigt das oben abgebildete Modell die kleinen Schiffchen, die das Seil als Bojen trugen, falsch in verschiedene Richtungen weisend. Tatsächlich standen die Spitzen natürlich alle gegen die Fließrichtung. 

Der Fährturms diente den Betreibern als Unterkunft; nachts musste die Gierfähre ans rechte Ufer gefahren werden, der Schiffsverkehr verlief auf der tieferen, linken Flussseite. Bis 1955 gab es hier regelmäßigen Fährverkehr, und an Wochenenden sollen mehrere tausend Rheinhessen zum Kaffee „Zur Waldesruh” übergesetzt haben.

In Erinnerung daran verzehrten wir zu zweit das letzte übrig gebliebene Stück Kuchen „Zur Rheinfähre" (ein lohnendes Ausflugsziel auch ohne Denkmalstag) und guckten den Denkmalstag-Aktivistinnen bei der Demonstration der historischen Goldwäscherei im Rhein zu. 


Der Tag des offenen Denkmals ist eine wunderbare Einrichtung, die gerade für die unscheinbaren und vielleicht ein wenig abseits gelegenen historischen Orte und ihre verdienstvollen Pflegerinnen und Aktivistinnen eine gute Gelegenheit zur öffentlichen Wahrnehmung bietet. Hier wird Motto und Programm veröffentlicht; der nächste Tag des offenen Denkmals ist Sonntag, der 13. September 2015. 

Auf dem Rückweg sahen wir natürlich die alles beherrschende Silhouette des Kernkraftwerks, von dem zu hoffen bleibt, dass es vor dem Erkennen seiner Denkmalwürdigkeit möglichst bald und unschädlich dem Erdboden gleich gemacht wird. (Nein, kein Foto!)

 
* In der Buchreihe: Agnes Schmidt und Elke Hausberg: Stadtrundgänge - Darmstadt aus Frauensicht (Herausgeber: Luise-Büchner-Bibliothek des Deutschen Frauenrings e.V., Preis: 12 Euro je Band; erhältlich im Buchhandel, Darmstadt Shop im Luisencenter und in der Luise-Büchner-Bibliothek, Kasinostr. 3) erschien als Band 3:Waschen, Kochen, Baden: Frauenleben vom Marktbrunnen zum Großen Woog, 2009. 

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