Donnerstag, 18. September 2014

Hat die Geschichte eines jiddischen Autors Martin Walser eines Besseren belehrt?

Dieser Beitrag steht hier auch als Audiofile zum Anhören zu Verfügung! 


Ich schäme mich bis heute, dass ich es 1998 nicht gewagt habe, die Paulskirche bei Martin Walsers unsäglicher Bemerkung über die Instrumentalisierung der Schande wenigstens halbwegs demonstrativ zu verlassen.

Ich, nachdenklich, im Publikum der Friedenspreisrede Martin Walser 1998 in der Frankfurter Paulskirche.

Ich saß so weit hinten, dass das der Weltpresse allerdings wahrscheinlich ebenso entgangen wäre wie die Tatsache, dass ich mich geschämt habe und am Ende auch nicht Beifall klatschte. Solche hochfeierlichen Veranstaltungen haben etwas Zwingendes, das es fast unmöglich macht, den Konsens gutbürgerlichen Benehmens zu verlassen. In den Siebzigern haben allerdings mehrfach Verwandte und Sympathisanten der RAF Friedenspreisverleihungen gestört und für verbesserte Haftbedingungen protestiert. Die erste Friedenspreisverleihung, die ich wahrnahm, war die von 1968 an Leopold Sedar Senghor, gegen den es vor der Paulskirche als „Ideologe des Neokolonialismus” zu Demonstration und Auseinandersetzung kam. Daniel Cohn-Bendit wurde in der Folge damals zu acht Monaten Gefängnis (in zweiter Instanz sechs Monaten) verurteilt.

Zurück zu Martin Walser. In der Paulskirche hat er gesagt:

„Wenn mir aber jeden Tag in den Medien diese Vergangenheit vorgehalten wird, merke ich, daß sich in mir etwas gegen diese Dauerpräsentation unserer Schande wehrt. Anstatt dankbar zu sein für die unaufhörliche Präsentation unserer Schande, fange ich an wegzuschauen. Ich möchte verstehen, warum in diesem Jahrzehnt die Vergangenheit präsentiert wird wie nie zuvor. Wenn ich merke, daß sich in mir etwas dagegen wehrt, versuche ich, die Vorhaltung unserer Schande auf die Motive hin abzuhören, und bin fast froh, wenn ich glaube entdecken zu können, dass öfter nicht das Gedenken, das Nichtvergessendürfen das Motiv ist, sondern die Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken. Immer guten Zwecken, ehrenwerten. Aber doch Instrumentalisierung. […] Auschwitz eignet sich nicht dafür, Drohroutine zu werden, jederzeit einsetzbares Einschüchterungsmittel oder Moralkeule oder auch nur Pflichtübung. Was durch Ritualisierung zustande kommt, ist von der Qualität des Lippengebets […].“
Martin Walser: Rede in der Paulskirche am 11. Oktober 1998 (zit. aus der u.a. hier veröffentlichten Rede)  

Ignaz Bubis musste öffentlich darauf aufmerksam machen, was Walser da gesagt hatte - in der folgenden Bubis-Walser-Debatte haben sich dann noch Rudolf Augstein und Klaus von Dohnanyi unrühmlich hervorgetan. Tobias Jaecker hat 2003, fünf Jahre später, hier bei hagalil.com gründlich beschrieben, was sich damals ereignete. Das widerliche Schlagwort von der „Moralkeule Auschwitz” war in der Welt und ist bis heute nicht aus der öffentlichen Diskussion verschwunden.

„Erstmals hatte ein angesehener Repräsentant der gesellschaftlichen Mitte ausgesprochen, was bisher offenbar nur klammheimlich gedacht worden war. Die überwiegend positiven Reaktionen haben seine Rede als "Befreiungsschlag" erscheinen lassen, der generationenübergreifend und quer durch die Gesellschaft ging. Sogar Bundeskanzler Gerhard Schröder verhehlte kaum seine heimliche Zustimmung und ließ vernehmen: "Ein Dichter darf so etwas. Ich dürfte das nicht".
Walser fühlte sich durch diese Reaktionen legitimiert, für das gesamte deutsche Volk zu sprechen, um es von der "Vergangenheit, die nicht vergehen will" (Ernst Nolte) zu befreien. Dies hatte Auswirkungen: Laut einer Meinungsumfrage von Ende Dezember 1998 befürworteten immerhin 63% der Deutschen, dass ein "Schlussstrich unter die Diskussion um die Judenverfolgung" gezogen werden solle – deutlich mehr als in den Jahren zuvor. ...
Es gilt, sich der NS-Verbrechen nicht nur aus der Täter- sondern auch aus der Opferperspektive zu erinnern, ohne diese freilich zu vereinnahmen. Und das heißt, "erinnernde Solidarität" (Micha Brumlik) zu üben. Die Erinnerung an Auschwitz muss dabei auch verbindlich öffentlich sichtbar (Peter Reichel) stattfinden, damit sie im kollektiven "kulturellen Gedächtnis" (Aleida Assmann) bewahrt werden kann.” (Jaecker a.a.O.)


Andreas Platthaus hat hier in der FAZ vom 17.9.2014 über eine Veranstaltung berichtet, bei der sich Martin Walser im Hinblick auf den Mord am europäischen Judentum so geäußert hat:

„Wir, die Deutschen, bleiben die Schuldner der Juden. Bedingungslos. Also absolut. Ohne das Hin und Her von Meinungen jeder Art. Wir können nichts mehr gutmachen. Nur versuchen, weniger falsch zu machen.“ 


Das ist in der Tat die einzige Haltung, die mit Anstand vertreten werden kann. Und es ist sehr erfreulich, dass Martin Walser sie sich inzwischen zu eigen gemacht hat. Platthaus: „Wenn es etwas wie ein aus der kollektiven Schuldzuweisung entwickeltes persönliches Schuldeingeständnis gibt, dann ist es hier gefallen. Und wörtlich - also nachlesbar - findet es sich so auch in Walsers Essay.” 

Es ging dabei um die Vorstellung von zwei Büchern, Walsers „Shmekendike Blumen - Ein Denkmal für Sholem Yankev Abramovitsh“ und das große Werk von Susanne Klingenstein „Mendele der Buchhändler - Leben und Werk des Sholem Yankev Abramovitsh“.

Mendele Moicher Sforim (1835 bis 1917), der sich meist Sholem Yankev Abramovitsh  nannte, gilt als einer der bedeutendsten Autoren jiddischer Sprache. Klingenstein und Walser nähern sich ihm auf unterschiedliche Weise; ich will versuchen, die beiden Bände hier gelegentlich zu besprechen.



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