Mittwoch, 10. September 2014

„ ...wie in einem Albtraum, aus dem man nicht erwachen kann”*

Dieser Beitrag steht hier auch als Audio-File zur Verfügung 



Der 11. September ist für Darmstädter seit 1944 ein unvergesslicher Tag - im Bomben- und Feuersturm kamen über 10.00 Menschen um, die historische Stadt wurde unwiederbringlich zerstört. Im Büchner-Blog habe ich einen schmerzhaften Kollateralschaden dieser Zerstörung geschildert.

Es gibt auch eine persönliche Betroffenheit von mir, die ich hier schildern will - und das, obwohl ich „erst” 1956 geboren bin. Als kleiner Junge, ich kann nicht älter als acht gewesen sein, war ich  an der Hand meiner Mutter in Darmstadt unterwegs, als plötzlich Feueralarmsirenen heulten. Wie von Sinnen zerrte sie mich so schnell, wie ich sie noch nie hatte laufen sehen, in eine Toreinfahrt und drängte mich schützend an die Wand. Wir waren beide stumm vor Aufregung und Schreck, und es scheint mir Minuten gedauert zu haben, bis sie wieder zur Besinnung kam. Ich habe in meinem ganzen Leben kaum etwas Erschreckenderes und Bedrohlicheres erlebt.

Das kann nun so gedeutet werden, dass  ich halt ein ziemlich behütetes Leben geführt habe und mich mit so einem lächerlichen Ereignis nicht so wichtig nehmen soll. Objektiv ist dem kaum zu widersprechen, subjektiv ist es aber ein Beispiel dafür, dass und wie wir die Traumatisierung unserer Eltern geerbt haben.


Meine Mutter und ich, ca. 1959 


Natürlich ist dieses Ereignis, an das ich mich so genau erinnern kann, nicht das einzige Erbe der Kriegsjahre, das mir meine Eltern hinterlassen haben. Mein 1919 geborener Vater, der sich auf Urlaub in Darmstadt mit meiner Mutter verlobt hatte, war im September 1944 als deutscher Soldat in britischer Kriegsgefangenschaft, sein 1924 geborener Bruder war im April '44 gefallen.

Mein Vater, ca. 1948 


Meine Mutter (* 1922) lebte mit drei jüngeren Geschwistern im Haus ihrer  Eltern, ein Bruder (*1924) war im März gefallen. Ihre Familie saß während des Bombenangriffs auf Darmstadt in der Merckstraße im Keller; das Haus wurde zerstört, sie konnten immerhin überleben. Sehr selten hat sie mir erzählt, was sie in dieser Nacht und den folgenden Tagen erlebt hat. Und erst vor wenigen Jahren hat ihr Bruder das mit seinen Erlebnissen in einem Gespräch über die Zeit für mich ergänzt.

Die zutiefst prägende Jugendzeit meiner Eltern in Faschismus und Krieg, die Erlebnisse meiner nächsten Verwandten beim vollständigen Verlust der gesamten Existenz, buchstäblich bis auf die Haut, ist eine Hypothek, an der ich bis heute zu tragen habe. Glücklicherweise kann ich sicher sein, dass sich die Familie meiner Mutter vorbildlich und aufrecht verhalten hat, mein Großvater F. G. Bringmann war als „Stadtmissionar” ein aufrechter Antifaschist. Mein Vater war als junger Soldat im „Frankreichfeldzug” und später in Nordafrika; in Italien auf dem Rückzug kam er ziemlich bald in Gefangenschaft. Mindestens an den widerlichen Kriegsverbrechen der Deutschen in Norditalien war er nicht beteiligt. An Widerstand hat er aber wohl kaum auch nur gedacht.

Für meine engere Familie stand es stets außer Frage, dass die Zeit des Faschismus in Deutschland Terror und Unterdrückung bedeutete, eine Relativierung wie in so vielen anderen Familien hat es glücklicherweise nie gegeben. Aber was die Terrorjahre auch mit den Menschen angerichtet haben, die meine Eltern wurden, war nie Thema. Ganz sicher habe ich Verhaltens- und Denkweisen „geerbt” und erworben, die auf ihre Erfahrungen zurück gingen. Der Schreck beim Sirenenton ist davon nur ein - halbwegs offensichtlicher - Teil.

Wenn heute zu Recht gefordert wird, die deutschen Soldaten, die traumatisiert aus den Einsätzen in Afghanistan zurückkommen, müssten viel gründlicher betreut und unterstützt werden, denke ich manchmal darüber nach, für wie viele Millionen Deutscher das 1945 gegolten hat. Fast niemand erhielt solche Hilfe, fast alle, ein ganzes Volk, trugen die Traumata ihr Leben lang - und gaben mehr als genug davon an ihre Nachfahren weiter.

Einer, der das ahnte und alles daran setzte, die Deutschen zur Reflektion und Aufarbeitung des Geschehenen zu bringen, war der  deutsche Dichter Carl Zuckmayer, der aus dem Exil in den USA als „Kulturbeauftragter der amerikanischen Regierung” 1945 durch Deutschland reiste. Sein „Deutschlandbericht” fasst die Erlebnisse zusammen - resigniert schreibt er:

„Wir erreichen die Menschen nicht. Wir finden keinen Weg in ihre Köpfe und Herzen!” und „Was wir den Deutschen heute antun, werden wir uns selbst antun”.  

In einer Besprechung schreibt die FAZ 2005: „Noch hatte er die Hoffnung, seine Berichte würden „wie eine Bombe einschlagen, Riesenwirbel machen”, entweder seine Entlassung bewirken oder „die sofortige Einsetzung eines neuen Stabes für drüben, in dem ich dann eine entscheidende Stellung übernehmen würde”. Seine Bereitschaft war groß, seine Erwartung ein Trugbild. Als er am 30. März auf dem La Guardia Airfield in New York landete, war die Truman-Doktrin schon zwei Wochen in Kraft, die die Eindämmung des Kommunismus verlangte und die kurze, heftige und fatale Epoche McCarthys einleitete.” Gleichzeitig endeten die US-Pläne, eine ernsthafte Aufarbeitung und Auseinandersetzung der Deutschen mit ihrer Vergangenheit zu befördern, stattdessen ging es jetzt um „Verteidigung” gegen den Ostblock, egal mit welchen Verbündeten von welcher Vergangenheit auch immer. Noch einmal die FAZ: „So ist dieses Buch, das verborgene Arbeiten Zuckmayers aus dem Nachlaß zusammenführt, ein geschichtsstarkes Lesebuch. Es beleuchtet die Verhältnisse, menschliche Schicksale, die Psychologie der Sieger wie der Besiegten. Und es setzt Reflexionen über Nachkriegsstrategien zukunftsoffener Versöhnung in Gang, die gegenwärtige Assoziationen nicht ausschließen”

Carl Zuckmayers Deutschlandbericht erschien 2004 im Wallstein-Verlag. dort ist es lieferbar; als Taschenbuchausgabe gibt es den Band inzwischen ebenfalls lieferbar bei Fischer.


* Carl Zuckmayer im zitierten Band: „Abreise 4. November, Ankunft in Frankfurt 10. November. ... Stand auf den Trümmern des Römerbergs, wie in einem Albtraum, aus dem man nicht erwachen kann."


1 Kommentar:

  1. Wie sich die Geschichten gleichen. Ich dachte schon, jemand hätte angefangen, die Erlebnisse meiner Familie zu schildern - allerdings bin ich 10 Jahre älter, d. h. 1946 geboren. Wir Kinder haben den Krieg fast noch gerochen, aber die Erwachsenen waren emsig und nur damit beschäftigt, soviel Normalität wie möglich zu schaffen. Das sind sie bis heute, bzw. bis zu ihrem Tod, nicht los geworden. Sicher verständlich, trotzdem schade....
    Manfred Heger

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