Mittwoch, 20. August 2014

Mal wieder in Heidelberg



Noch bis Ende September zeigt das Kurpfälzische Museum in Heidelberg die Ausstellung „Eine Stadt bricht auf - Heidelbergs wilde 70er".  Die haben wir uns gestern angesehen und ich konnte ein bisschen in Reminiszenzen schwelgen. Immerhin habe ich 1978 - 80 meine Buchhändler-Ausbildung in Heidelberg gemacht und dort die letzten Zuckungen der wilden Jahre miterlebt. Bei aller inzwischen persönlich erreichten Distanz habe ich doch bedauert, dass ein Heidelberger Ereignis dieser Zeit überhaupt nicht vorkam: die Wahl einer Kandidatin des „Kommunistischen Bundes Westdeutschland" in den Stadtrat. Helga Rosenbaum wurde 1975 gewählt und 1976 mit den Stimmen aller anderen Stadtverordneten ausgeschlossen. Das machte immerhin bundesweite Schlagzeilen. Es ist für mich heute nur noch witzig, wahrzunehmen, wie sehr die alten Gräben zwischen Spontis und Maoisten immer mal wieder aufscheinen - und hier hatten wohl die Spontis das Sagen. Illustrierend der Stadtplan zu Beginn der Ausstellung, auf dem die Punkte der Auseinandersetzung um Abriss und Neubau eingezeichnet und mit Vorher/Nachher-Bildern erläutert werden, sehr amüsant das Buchregal mit zahlreichen  „einschlägigen" Titeln zu Dritter Welt, Frauenpolitik und Soziologie, und auch die großformatigen Zeichnungen von Marie Marcks und Franziska Becker (der im Oktober eine eigene Ausstellung gewidmet wird) haben mir gut gefallen. 



 


Dann habe ich ein altes Versäumnis endlich beseitigt und mir Friedrich Eberts Geburtshaus angesehen. Nicht zuletzt nach Klaus Gietingers beiden Bänden „Eine Leiche im Landwehrkanal" und „Der Konterrevolutionär" haben sich meine erheblichen Zweifel an der Aufrichtigkeit der SPD-Führung 1918 bestätigt, und ich fürchtete, im Museum ein glorioses Bild des Reichspräsidenten präsentiert zu bekommen. Tatsächlich hat mir die Präsentation sowohl formal wie inhaltlich gut gefallen, und wer aufmerksam liest, kann feststellen, dass Eberts Haltung, es müsse unbedingt zu einer „legalen" Machtübernahme vom Kaisertum zur Republik stattfinden, was ja dann zu dem albernen Kaspertheater mit Max von Badens Zwischenspiel führte, durchaus wahrgenommen wird. Das ganz neu und modern ausgestattete Museum ist unbedingt einen Besuch wert. Im Seitenbau steht noch bis EndeAugust eine Tafel-Ausstellung über Erich Maria Remarque, „militanter Pazifist".  

Auf dem Weg guckten wir noch in die Peterskirche



wo eine junge Frau beeindruckend auf der großen Klais-Orgel von 1984 spielte. 



Schließlich waren wir noch in der Unibibliothek und haben die kleine Kabinettausstellung über Marie Luise Gothein angesehen. Selbst ich hatte schon einmal von Ihrer „Geschichte der Gartenkunst" gehört, aber das ist ein Thema, das mich nicht so wahnsinnig interessiert. 


Glücklicherweise richtet die Ausstellung auch einen Fokus auf die Biographie der Autorin. Anhand von Briefen und Fotografien lässt sich das Leben dieser ungewöhnlichen Frau nachvollziehen, die trotz ihrer persönlich selbstbewussten und intellektuellen Haltung sehr weit weg vom politischen und feministischen Fortschritt der zwanziger Jahre lebte. Die UB hat dankenswerterweise eine ausführliche Zusammenstellung von Originaltexten und Quellen online verfügbar gemacht. 

Und natürlich haben wir auch noch auf das Schloss geguckt, diesmal von oben.