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Mittwoch, 6. April 2016

Stadt der Frauen - na und?

Im Berliner Ephraimspalais zeigt die dort ansässige Stiftung Stadtmuseum Berlin in Zusammenarbeit mit dem Lette-Verein unter dem Titel „Berlin - Stadt der Frauen” eine Präsentation von „20 Biografien, die Geschichte erzählen” (website).

Am Freitag, dem 1. April, habe ich sie für etwa 2 Stunden besucht.

Berlin, Ephraimspalais. Eingang mit Ausstellungshinweis 

Durchgängig freundlich bis euphorisch formulierte Besprechungen hatten Erwartungen geweckt - so Tilmann Krause in der WELT, Maria Ossowski für den rbb, auch Antje Allroggen führte ihr Gespräch mit der Kuratorin Martine Weinland für den Deutschlandfunk mit freundlicher Zustimmung, und die Bloggerin Doris Lautenbach  beendet ihre Besprechnung „Die unbedingt sehenswerte Ausstellung ist eine Kooperation mit dem LETTE VEREIN BERLIN, der, gegründet zur „Förderung des weiblichen Geschlechts“ jetzt 150-jähriges Jubiläum feiert.”

Was gibt es zu sehen? 

Die meist knappen Lebensdaten von Frauen, die in den letzten 200 Jahren in Berlin gelebt und gearbeitet haben, werden mit unterschiedlich ausführlichen Materialien präsentiert. 

Blick in den Raum über Käthe Kollwitz

Der Text zu Anna Schepeler-Lette

Büste der Anna Schepeler-Lette 

Letztlich blieb mir unerfindlich, warum nun gerade diese Frauen ausgewählt und, erst recht, warum andere ausgelassen wurden. Glücklicherweise kann sich das Berlin der letzten 200 Jahre ja auf ein paar mehr als nur diese bemerkenswerten Frauen berufen, und auf einige nicht präsentierte wohl mehr als auf einige der Ausgewählten. 

Befremdlich scheint mir das Fehlen von Rosa Luxemburg und Clara Zettkin, von Helene Weigel und Gisela May (die übrigens unweit des Ausstellungsortes lebt ...), von Gabriele Tergit und Anne-Marie Fabian und und und ... 

Nun ist es das gute Recht und die unvermeidliche Pflicht von Ausstellungsmacherinnen, auszuwählen und vorzuziehen. Eine solche Auswahl ist im gute Falle verständlich und im besseren auch noch erläutert. Davon kann hier leider keine Rede sein. 

Außerdem soll das Präsentierte repräsentativ sein und wesentliche Informationen nicht vorsätzlich verschweigen. 

Zu den vorgestellten Künstlerinnen gehört die wunderbare Renée Sintenis (1888 - 1965). Ganz unabhängig von der Ausstellung waren wir im Vorfeld auf sie und ihr Werk gestoßen und hatten uns ein wenig vorbereitet - immerhin steht auf dem Berliner Renee-Sintenis-Platz ihr wunderschönes „Grasendes Fohlen” (ein Hinweis auf den Platz fehlt in der Ausstellung). 

Renèe Sintenis. Grasendes Fohlen (1929)

Und in der höchst sehenswerten, gleichzeitigen Ausstellung „Die schwarzen Jahre” im Hamburger Bahnhof stehen mehrere ihrer Werke, darunter dieser schöne Knabenkopf: 



Renè Sintenis: Portraitbüste des Carl Alexander von Uexküll (1943),
des Sohnes der (in der Ausstellung ebenfalls unerwähnt gebliebenen)
Nadine von Radowitz und Edgar von Uexkülls 
Es hat uns in der Vorbereitung unserer Reise wenig Mühe gekostet, über Renée Sintenis mehr herauszufinden als das, was diese bedauernswert dürftige Präsentation bietet. Leider ist das kein Einzelfall; auch zur wahrhaft bedeutenden Hedwig Dohm oder zu Anna Schepeler-Lette bietet die Austellung weniger als wikipedia. 


Zentraler Raum im 2. OG, der zur Kommunikation über die Ausstellung hinaus einladen soll 
Am Ende der Aufreihung von Beliebigkeiten von Personen und Gegenständen landet die geneigte Besucherin in der oben abgebildeten Endstation, von wo die Aufforderung ausgehen soll, in „sozialen Medien” unter dem hashtag #stadtderfrauen Stellung dazu zu beziehen, ob Berlin 2016 „Deine Stadt der Frauen” ist. So recht virulent ist das noch nicht, ich finde bei twitter seit dem 1. April sage und schreibe 10 Einträge - was ja vielleicht insofern besser ist, als dann ja auch weniger Besucherinnen enttäuscht werden.

Der Sache der Frauen und Feminismus wird hier jedenfalls kein Gefallen getan - mit einem solchen Aufwand weiter nichts zu präsentieren als 20 durch nichts als durch Ort, Zeit und Geschlecht verbundene Biografien lässt sich nicht rechtfertigen. Es gab bedeutende Frauen in Berlin der letzen 150 Jahre. Ja.  Politische. Malende. Schreibende. Skandalöse. Forschende. Entdeckende. Und jede einzelne dieser Kategorien verdiente eine angemessene Präsentation. Aber keine Frau hat es verdient, so beliebig - vorgeführt zu werden.







Dienstag, 10. März 2015

In der Frankfurter Schirn: Künstler und Propheten

Die Frankfurter Schirn zeigt

KÜNSTLER UND PROPHETEN. EINE GEHEIME GESCHICHTE DER MODERNE 1872-1972
6. MÄRZ – 14. JUNI 2015


Ich war sehr neugierig auf die Austellung und hatte mich in Gedanken auf eine ziemlich textlastige Präsentation vorbereitet.  Immerhin hatte ich von den „Inflationsheiligen” schon so viel gehört, dass ich „Monte Verita” und Hermann Hesse damit in Verbindung bringen konnte. Eine Verbindung zur bildenden Kunst war mir dagegen nicht bekannt.

Pamela Kort hat in der Schirn schon mehrfach Projekte kuratiert, zuletzt „Eugen Schönebeck – 1957 – 1967, Schirn Kunsthalle Frankfurt (February – May 2011)” und „I Like America: Fictions of the Wild West, Schirn Kunsthalle Frankfurt (September 2006 – January 2007)”.

Hier schickt sie uns Besucher in eine Präsentation, die zunächst in als Kabinette angeordneten Abschnitten der Ausstellung Leben und Werk einzelner Künstler präsentiert. Wem nicht mindestens die Grunddaten Deutscher Geschichte von 1871 bis 1971 bekannt sind, wird Mühe haben, sich die aussergewönlichen Figuren und ihr Leben zu sortieren. Tatsächlich ist einiges an Drucksachen und Fotografien in Vitrinen präsentiert, an den Wänden dazu kurze Einführungen zu Leben und Wirken. Ich hätte aber lieber noch mehr gelesen (und hatte mir ganz gegen meine Gewohnheit in der Hoffnung auf Hintergrundinformationen einen Audioguide ausgeliehen, der diese Hoffnung aber nicht erfüllte). Ein Zugang zu den Beweggründen der Künstler fehlt ebenso wie ihre Einordnung in die gesellschaftspolitischen Strömungen der Zeit.

Der Eingang zur Ausstellung führt durch einen labyrinthisch verschachtelten Gang, dessen Wände weit oben mit Teilen von Diefenbachs Fries "per aspera ad astra" geschmückt sind.

Teil des Frieses "per aspera ad astra" von Karl Wilhelm Diefenbach (1892)

Teil des Frieses "per aspera ad astra" von Karl Wilhelm Diefenbach (1892)

Teil des Frieses "per aspera ad astra" von Karl Wilhelm Diefenbach (1892)


Schon hier - und später an anderen Stellen erneut - konnte ich übrigens die Überlegung nicht vermeiden, wie lange es noch dauern wird, bis die (hier tatsächlich fast aufdringliche) Verherrlichung des jungen, gerne nackten, Kindes als Sinnbild von Reinheit und unverdorbener Natürlichkeit (mal wieder) nicht mehr öffentlich gezeigt werden kann.  „Nackte Kinder in nicht das Geschlecht in den Mittelpunkt stellenden Posen” (wir haben diesen Begriff in den letzten Monaten lernen müssen) gibt es hier jedenfalls zuhauf.

Die frühen Künstler, Karl Wilhelm Diefenbach, Gusto Gräser, Johannes Baader, Gustav Nagel, Friedrich Muck-Lamberty sowie Ludwig Christian Haeusser sind jeder einzelne so aussergewöhnlich und von messianischer „Geschicktheit” erfüllt, das ihr Leben durchgeknallter nicht erfunden werden könnte. Ob das beim Einzelnen eher bewusst gewählte künstlerische Attitüde, eine leichte Form des Wahnsinns oder nur zynisch berechnende Spekulation auf Lebensunterhalt war, wird nicht hinterfragt.

Baader z.B. tritt 1922 auf der Jugendburg Ludwigstein auf:

„Ich bin der Oberdada und werde die Geschicke der Burg in meine Hand nehmen.
Wo kann ich schlafen, und wann wird hier gegessen?"


Aufruf zur Ausrufung Baaders zum Präsidenten des Erdballs, Berlin 1919
Zusammen mit den Berliner Dadaisten um Grosz und Huelsenbeck annonciert er 1919 seine Ausrufung zum Präsidenten des Erdballs. Dass er sich auf Ernst Haeckel, den Zoologen, Darwinisten, Evolutionstheoretiker und Begründer des Deutschen Monistenbundes bezieht, hätte ich wie so viele andere „Bezüge” der Künstler in dieser Ausstellung, gerne ausführlich erläutert gesehen. Gusto Gräser („nennt mich Gras”), Friedrich Muck-Lamberty und Ludwig Christian Haeusser ziehen in mönchischen Gewändern durch Deutschland und predigen ein vegetarisches „zurück zur Natur” (sich den küftigen Führern hingebende Damen werden gelegentlich gerne genommen). 

Bei wikipedia finde ich zu Baaders weiterem Leben:
In der unsicheren Zeit hatten religiöse Schwärmereien zugenommen, und es war 1930 in Thüringen ein Kongress der verschiedenen vermeintlichen Christus-Wiedergänger der Zeit (die sogenannten Inflationsheiligen) und ihrer Anhänger veranstaltet worden. Baader flog mit einem Flugzeug der Lufthansa auf das Gelände, hatte einen großen Auftritt als wahrer Christus und verließ den Ort und die sprachlosen Anwesenden wieder. Seit 1941 arbeitete er wieder als Architekt.
Johannes Baader starb im Alter von 79 Jahren 1955 in einem Altersheim in Niederbayern.
1920 zieht  Friedrich Muck-Lamberty mit einer Art Kinderkreuzzug durch Thüringen; Hermann Hesse hat das in „Morgenlandfahrt” 1932 verewigt.

Mit Egon Schiele beginnt in der Ausstellung die Reihe der Künstler, die ihr „Prophetentum” (etwas) weniger ausdrucksstark lebten. Kort zählt auch ihn, Heinrich Vogeler und die Nachkriegskünstler Beuys, Immendorff und Hundertwasser dazu. Das bereichert die Ausstellung jedenfalls mit einigen großartigen Bildern.

Egon Schiele: „Frontal knieender weiblicher Akt” und „Männlicher Akt”. 1912

Vogelers Agitationsbildern stellt die Ausstellung eine Serie von Immendorff-Tölpeleien gegenüber, die ich mich in den Siebzigern gemalt zu haben bis heute schämen würde,

Heinrich Vogelers „Agitationsbilder”, rechts „Winterkulturkommando” von 1924   








Jörg Immendorff „Agitprop”


und zwar sowohl des agitatorischen wie des künstlerischen Ausdrucks wegen, und obwohl ich gestehe, einmal aus agitatorischen Gründen einen Streusselkuchen gebacken zu haben, auf dem mit Kakaostreusseln geschrieben stand „Omans Volk braucht Schulen” ...

Ich bedaure nicht, die Ausstellung gesehen zu haben, vermisse aber die stringente Verbindung zumindest zu den Nachkriegskünstlern; hier scheint mir der Zusammenhang ein wenig herbeigezogen zu sein. Und unter welchen Umständen, welchem eigenen Selbstverständnis und mit welcher gesellschaftlichen Reaktion die Gurus der zwanziger Jahre Deutschland unsicher machten, werde ich mir noch an anderer Stelle „anlesen” müssen. So bleibt der Ausstellungsbesuch eine Anregung, aber das ist ja schon mehr, als was von manch anderer gesagt werden kann.

Der 500-Seiten-Katalog, den die Kuratorin ganz alleine geschrieben hat, war mir für 38 € (Ausstellungspreis, Ladenpreis 58 €) zu teuer; wikipedia nennt den vergriffenen Band „Ulrich Linse: Barfüßige Propheten. Erlöser der zwanziger Jahre” 1983 bei Siedler erschienen und leicht antiquarisch zu finden, als Quelle.

 Die Feuilletons brachten anlässlich der Eröffnung zwei sehr unterschiedliche Besprechungen: Annette Krämer-Alig beklagt im Darmstädter Echo  die „schwache Argumentationslinie” der Ausstellung, Julia Voss dagegen lobt hier in der FAZ „Und es ist endlich eine Schau, die sich etwas traut, endlich eine Schau, die eine neue, eigene, ganz andere Geschichte erzählt.”

Ich stehe nicht an, beiden zuzustimmen: Frau Krämer-Alig hat recht, weil die  „Neuen” sich doch auf ganz andere Bezüge beriefen als die 20-Jahre-Propheten, und Frau Voss hat recht, weil die Ausstellung es wagt, biografische Information gleichwertig neben die Präsentation von nicht immer erstklassiger Kunst zu stellen (auch wenn das noch nicht perfekt gelungen ist).

Einen Besuch aus dem Rhein-Main-Gebiet ist die Ausstellung allemal wert.

Nachtrag vom 7.4.:

Ulf Erdmann Ziegler hat die Ausstellung besucht und für die taz gründlich und sehr kritisch besprochen: „Da ist durchaus etwas an der Rückseite utopischer Bewegungen, ein patriarchaler Wahn, der einen stutzig macht. Man sollte das, wenn man irgend kann, benennen. "Künstler und Propheten" verklärt durchgeknallte Christusgurus zu Präfigurationen sensibler Künstlerschaft. Das ist Irrsinn. Diese Ausstellung zeichnet den Diskurs der Sektierer nicht nach, sie sitzt ihm auf.”

Samstag, 1. November 2014

Wider den „Herrenclub der Moderne” - Helene Schjerfbeck in der Frankfurter Schirn

Es gibt keinen Grund, mein geringes Wissen über Kunst am Beispiel der finnischen Malerin hier zu demonstrieren - die Schirn Kunsthalle hat ein wunderbares, kenntnisreiches und zum Besuch motivierendes „DIGITORIAL" über ihr Leben und Werk online gestellt.

Einen ersten Eindruck ihrer großen Kunst verschafft auch die Google-Bildersuche hier - dort sind auch all die Websites leicht zu finden, die das Urheberrecht der Malerin großzügiger betrachten als ich und ihre Bilder zeigen.

Die kluge Hängung der Bilder, die deutlich die künstlerische Entwicklung der Malerin beobachten lässt, zeigt die faszinierenden Arbeiten einer Frau, die unter ganz ähnlichen Bedingungen arbeitete wie die kürzlich im Darmstädter Kunstarchiv unter „Der weibliche Blick" gezeigten Künstlerinnen um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Allerdings unterscheidet sich ihr Leben dadurch von vielen anderen, dass es ihr gelang, bereits als junge Frau und noch ohne die Erfahrungen der „Kunstreise” als 18-jährige ein Bild zu malen, das ihr öffentliche Anerkennung und in der Folge die Mittel zu der Reise einbrachte. „Verwundeter Soldat im Schnee” findet sich auch im erwähnten Digitorial.

Nach einer Europareise von einigen Jahren Ende des 19. Jahrhunderts hat Helene Schjerfbeck ihr finnisches Dorf fast 40 Jahre lang nicht mehr verlassen und die Anregungen zu ihren Bildern teils ihrem eigenen frühen Werk, teils der Erinnerung und teils dem Studium von Kunstzeitschriften entnommen. Julia Voss hat in ihrem Vortrag im Darmstädter Kunstarchiv unter dem Titel „Herrenclub der Moderne - warum die Kunstgeschichte umgeschrieben werden muss” darauf hingewiesen, wie wichtig gerade in den Zeiten, in denen Frauen der Zugang zu den Akademien verwehrt blieb, Fotografie und Druck für die Bildung der Malerinnen wurden, die sich so Kenntnisse und Vorbilder verschaffen konnten.

Die Ausstellung ist noch bis zum 11. Januar zu sehen UND EINE REISE WERT!

Alle Völker, die sich baden, sind gesünder als die, die es nicht tun*

Das Frankfurter Institut für Stadtgeschichte zeigt im Dormitorium des Karmeliterklosters noch bis zum 2. November eine Kabinettausstellung zur Geschichte des Badens in Frankfurt. 

Karmeliterkloster in Frankfurt am Main


Auf großen, gut gestalteten Tafeln und in einigen Vitrinen zeigt das Archiv die Entwicklung städtischer Badekultur seit den Zeiten der Römer. Deren Badekultur wurde allerdings nie wieder erreicht. Sowohl die mittelalterlichen Vergnügungen im Badezuber wie die modernen Wellness-Oasen bleiben von dem, was Römer unter Baden verstanden, um Welten entfernt.

Neben der so geweckten Sehnsucht nach den Tagen der lateinischen Zivilisation (jedenfalls für die Herrschenden...) bietet die Ausstellung aber mit einem Schwerpunkt auf das Badewesen zwischen 1871 und 1933 interessante Informationen über das Schwimmen im Main. Kilometerlang zogen sich in dieser Zeit öffentliche und private, geschlechtergemischte und geschlechtergetrennte Badeanstalten am Mainufer entlang. Natürlich verboten die Nazis der jüdischen Bevölkerung früh das gemeinsame Baden, schließlich wurde Juden auch das zunächst noch gestattete letze Freibad verboten (es wurde zum SA-Bad....). Ungefähr mit dem Kriegsende 1945 war es dann für alle vorbei mit dem Mainschwimmen - der Fluss verdreckte so sehr, dass Baden gesundheitsgefährlich wurde. Seit der Jahrhundertwende hat Frankfurt den Bau öffentlicher Frei- und Hallenbäder betrieben, auch deren Geschichte und die aktuelle Problematik zwischen Zuschussbedarf und Sanierungsproblematik wird nicht verschwiegen. Aktuell verfolgen private Investoren die Idee, ein Schwimmbad in einer Art Ponton auf dem Main einzurichten - dann allerdings mit Frischwasser in einem geschlossenen Becken.



auf einer der Ausstellungstafeln


Wir haben es leider erst am 30.10. geschafft, die Ausstellung anzusehen (und hatten das Glück, dass sie zwischenzeitlich bis zum 2.11. verlängert wurde); wer das nicht mehr schafft, aber interessiert ist, kann immerhin den informativen kleinen Katalog hier kaufen. 

*C.W. von Hufeland ca. 1800

Sonntag, 5. Oktober 2014

Klein aber Mainz

Am Samstag fuhren wir mit drei Zielen nach Mainz:

- Spaß auf dem Markt haben und ein bisschen was einkaufen



- das Café/Restaurant Forster im Naturkundemuseum ausprobieren




- und die Ausstellung im Dommuseum über Franz von Kesselstadt ansehen.



Gesagt, getan. An diesem wunderbaren Spätsommertag war der große Markt wirklich ein Erlebnis, das wir allerdings mit dem größeren Teil der Bevölkerung von Stadt und Umland teilten. Von Angebot und Atmosphäre ist der Markt wirklich weit und breit unübertroffen; und so sehr ich auch die Frankfurter Kleinmarkthalle schätze, so sehr ist mir doch hier Stimmung und Publikum näher und lieber (um so mehr, als sich das in Frankfurt in den letzten Jahren auch sehr zum Schicki-Micki hin veränder hat...). 

Dass Frankfurt nicht hessisch ist, weiß ich ja schon lange,
aber deutsch isses eigentlich schon ... 
Zierkürbisse sind übrigens essbar! 


Weck und Worscht müsse erscht emol uff de Woi woarte! 

Überschäumend - vorne im Strauß blüht Borretsch
(soll ja sowieso besser nicht gegessen werden...) 
Tolles Bio-Angebot
Hans Fallada konnte über hundert verschiedene Kartoffelsorten
auseinander halten - das hat schon was von Paradies
(wir haben „Hörnle" eingekauft)! 



so wars um 12 ... 
und so um 4, da war der Markt verlaufen ... 
... um die Ecke gabs aber noch was zu trinken! 


Das Café Forster  im Naturkundemuseum 

hat uns interessiert, weil es nicht nur nach dem großen Forster heißt, sondern sich auch ganz bewusst auf ihn beruft, weil es mit günstigen und attraktiven Angeboten wirbt und weil es ein Inklusionsprokjekt ist. Seit 2011 betreibt hier die Gesellschaft für psychosoziale Einrichtungen gGmbH ein Museumsbistro. Auf der website heißt es dazu:



„Wir als gpe – Gesellschaft für psychosoziale Einrichtungen gGmbH in Mainz 
fühlen uns Georg Forster verbunden, nicht nur, weil er eine besondere Beziehung 

zu Mainz hatte und als Naturforscher wunderbar in das Naturhistorische 

Museum passt, sondern auch und vor allem, weil er ein Revolutionär, 

ein Freidenker und einer der ersten Verfechter der bürgerlich-demokratischen 
Grundrechte war. Denn auch die gpe verfolgt eine fortschrittliche Idee: 
Wir möchten dafür sorgen, Menschen mit Handicap und den unterschiedlichsten 
Fähigkeiten in einem Team zu integrieren, um gemeinsam eine 
attraktive und marktfähige Dienstleistung anzubieten.  
Erforschen Sie unsere Welt unterwww.gpe-mainz.de
Hier, im Café Forster, möchten wir Sie einladen, ganz im Sinne Georg Forsters: Bereisen Sie Genuss – erforschen Sie Praktisches – entdecken Sie Ihre Pause neu” 



Nachdem ich mir auf dem Markt mit Mühe verkniffen hatte, etwas zu essen, hab ich dann hier Weck un Worscht geordert - zu der sehr ordentlichen Fleischwurst (blass, weil ungepökelt) kam ein bisschen schwerer Majo-Kartoffelsalat. Die Gattin nahm den reichhaltigen Salatteller mit gutem Bulgur, und mit ihrer Schorle und meinem Bier haben wir 20 € bezahlt - das ist ok.

Bei Gelegenheit werden wir hier sicher mal das Sonntags-Brunch-Buffett ausprobieren, und vielleicht schaffen wir's dann auch ins Museum rein (wobei uns die derzeitige Sonderausstellung nicht so recht  anlockt - „Aufgrund der Sonderausstellung "Monster" sind zur Zeit die Pferde, Quaggas, Nashörner und Bären nicht ausgestellt.") Das Café ist von der Straße aus ohne Museumseintritt zugänglich.

And now something completely different:



Franz Ludwig Hyazinth Xaver Willibald Maria Reichsgraf von Kesselstatt (* 18. September 1753 in Trier; † 18. November 1841 in Mainz) war ein Mainzer Domkapitular und Maler von zeitgenössischen Mainzer Stadtansichten des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts.” weiß wikipedia. Diesem Herrn widmet das Dommuseum eine Sonderausstellung, die in Mainz naheliegenderweise seine zahlreichen naturgetreuen Ansichten der Stadt in den Mittelpunkt stellt. wikipedia weiß dazu: „Die malerischen Arbeiten von Franz Ludwig von Kesselstatt waren weniger von herausragender künstlerischer Qualität. Eine Bewertung seines Schaffens über die Jahrzehnte zeigt keine wesentliche künstlerische Weiterentwicklung. Die Bedeutung seiner Mainzer Werke sind eher von stadt- und kunsthistorischer Bedeutung, da sie Gebäude und Plätze zeigen, die oftmals bereits zur Mitte des 19. Jahrhunderts in dieser Form nicht mehr bestanden.”

Auch die berühmte Totenmaske Shakespeares
(hier eine Kopie), heute in der Darmstädter
 Landesbibliothek, stammt aus Kesselstadts Sammlung.
Ohnehin ist uns Mainz nicht so vertraut, dass wir beim Besichtigen der Bilder "Aha-Effekte" hätten haben können; aber das ist für Mainzer bestimmt ein guter und wichtiger Grund, die schönen Bilder, zu denen freundlicherweise an der Museumskasse eine Lupe gereicht wird, gründlich zu betrachten und die Stadtgeschichte in Bildern zu besichtigen. Gezeigt wird hier aber neben der offensichtlichen Schilderung der Veränderung der Stadt zwischen 1780 und 1820 auch die Veränderung der Zeiten; und das ist dann allerdings ein Gegenstand, der uns immens interessiert. (Übrigens war der oben erwähnte Forster seit 1788 Bibliothekar in Mainz und hat Kesselstatt sicher gekannt). Dieser Mainzer Domherr stammte aus einer Adelsfamilie, die über Jahrhunderte administrative Ämter ausgeübt hat; mit sieben wird er Domizellar in Mainz, studiert in Wien, Straßburg und Nancy Recht und Finanzen und ist dann von 1778, da ist er 25, in Mainz und wirkt als Domkapitular bis zum Ende des Kurstaats  unter der französischen Besetzung 1797. Bis zu seinem Tod 1841 lebt er seitdem als Privatier in Mainz. 1814 hat er noch die diplomatische Mission übernommen, Mainz beim Wiener Kongreß zu vertreten, und sich dort für das weitere Stapelrecht für die Stadt einzusetzen - vergeblich. Offenbar hat er fast fünfzig Jahre seines Lebens mit Sammeln und Malen verbracht. Nach seinem Tod wurde die - vergleichsweise kleine - Bibliothek und die große und wertvolle Sammlung von Kunstgegenständen, meist Gemälden, verauktioniert; was die Sammlung auflöste, uns aber immerhin in Gestalt der gedruckten Kataloge eine gute Vorstellung von ihr verschafft.
Was für ein Leben! Bis zur französischen Revolution muss er noch in Traditionen und Gewissheiten gelebt haben, die die kommenden Veränderungen noch nicht einmal ahnen ließen. Dann erlebt er das Donnergrollen der französischen Revolution, die Flucht des Erzbischofs Erthal 1792 (der er sich verblüffenderweise nicht anschließt), die Gründung der ersten deutschen Republik von Frankreichs Gnaden, deren Ende, Beschuss, Zerstörung, Besatzung, erneute Eroberung der Stadt bis 1816 schließlich den Anschluss an Hessen-Darmstadt. Von 1801 bis 1813 regierte Ludwig Colmar als „französischer Bischof”. All diese wirklich welterschütternden Ereignisse scheinen sein mittelalterlich verankerte Leben kaum beeinflusst zu haben - ich würde zu gerne in seinen „Kollektaneen”, 19 Bänden von an die 300 Seiten, („Notizen und Zeichnungen, Abschriften und eingeklebte Ausschnitte”) blättern und finden, was ihn bewegt hat. 

Einige der Kollaktaneen -
„alles, was ihm interessant und merkwürdig erschien". 


Unter der französischen Besatzung haben ihn die Mainzer wiederholt in den Stadtrat gewählt - vergeblich, er nahm das Amt nicht an. Es darf vermutet werden, dass er als Repräsentant der alten Ordnung verstanden wurde. Mit den Segnungen der heiligen Kirche versehen stirbt er, um den herum Europa Rad schlug, im 89. Lebensjahr (!) friedlich in seinem Bett - sein Grab ist nicht erhalten. 


Erzbischof Carl Theodor von Dalberg.
Portrait eines unbekannten Malers aus Kesselstadts Sammlung
der Mainzer Bischofsportraits

Ach so: Tafelspitz, Grüne-Soße-Kräuter, Bamberger Hörnle, Mangold und zwei kleine Spitzkohl, alles in bester Qualität, haben wir vom Markt mitgenommen (und 10 € - !! - für's Parkhaus am Brand bezahlt). 



Mittwoch, 17. September 2014

Bilder zur Zerstörung Darmstadts 1944 im Kunstarchiv

Blick in die Ausstellung
Claus Netuschil mit Sohn Fritz und Enkel Alex des Künstlers Karl Deppert



Am 11. September eröffnete im Darmstädter Kunstarchiv die Ausstellung



„Das Feuer fraß die halbe Stadt
Bilder zur Darmstädter Brandnacht”









Die Ausstellung „Bilder zur Brandnacht“ zeigt Ölbilder, Aquarelle, Zeichnungen und Mischtechniken der Künstler Karl Deppert, Ernst Vogel, Annelise Reichmann, Willi Hofferbert, Marcel Richter und Eberhard Schlotter, die die Brandnacht miterlebt haben. Ihre traumatischen Erlebnisse sind nachhaltig wirkende Erinnerungsbilder des Darmstädter Stadtuntergangs vom 11. September 1944.



Studenten der Hochschule Darmstadt zeigen parallel die Video-Installation „Bewegtes Gedächtnis“.

Ich habe hier ja schon an die Bombardierung Darmstadts und meine eigene Verbindung damit aufmerksam gemacht. Im Kunstarchiv bietet sich noch für ein paar Tage die Möglichkeit, die beeindruckenden Auseinandersetzungen von Darmstädter Künstlern, die Zeugen der Vernichtung waren, zu sehen. Zusammen mit ihren Bildern werden einige Fotografien der Stadt nach der Zerstörung gezeigt, die im Großformat viel stärker wirken als in gedruckter Form, wie wir sie kennen.





Aus Karl Depperts 7-teiligem Temperazyklus


Die Ausstellung ist noch bis zum 26. September 2014 zu stark erweiterten Öffnungszeiten zu sehen: Dienstag bis Freitag 10 bis 18 Uhr und Samstag und Sonntag 11 bis 18 Uhr! 




Kunst Archiv Darmstadt e.V.
Kasinostr. 3/Kennedyhaus
64293 Darmstadt



Am Freitag, 19. September 2014 um 19.30 Uhr liest der Darmstädter Schauspieler Aart Veder innerhalb der Ausstellung im Kunst Archiv aus Texten von Zeitzeugen der Brandnacht.


Aus Karl Depperts 7-teiligem Temperazyklus

Der Kurator der Ausstellung, Claus K. Netuschil, führt am Sonntag, 21. September 2014 zweimal, um 11 Uhr und um 15 Uhr, durch die Ausstellung.




Mittwoch, 20. August 2014

Mal wieder in Heidelberg



Noch bis Ende September zeigt das Kurpfälzische Museum in Heidelberg die Ausstellung „Eine Stadt bricht auf - Heidelbergs wilde 70er".  Die haben wir uns gestern angesehen und ich konnte ein bisschen in Reminiszenzen schwelgen. Immerhin habe ich 1978 - 80 meine Buchhändler-Ausbildung in Heidelberg gemacht und dort die letzten Zuckungen der wilden Jahre miterlebt. Bei aller inzwischen persönlich erreichten Distanz habe ich doch bedauert, dass ein Heidelberger Ereignis dieser Zeit überhaupt nicht vorkam: die Wahl einer Kandidatin des „Kommunistischen Bundes Westdeutschland" in den Stadtrat. Helga Rosenbaum wurde 1975 gewählt und 1976 mit den Stimmen aller anderen Stadtverordneten ausgeschlossen. Das machte immerhin bundesweite Schlagzeilen. Es ist für mich heute nur noch witzig, wahrzunehmen, wie sehr die alten Gräben zwischen Spontis und Maoisten immer mal wieder aufscheinen - und hier hatten wohl die Spontis das Sagen. Illustrierend der Stadtplan zu Beginn der Ausstellung, auf dem die Punkte der Auseinandersetzung um Abriss und Neubau eingezeichnet und mit Vorher/Nachher-Bildern erläutert werden, sehr amüsant das Buchregal mit zahlreichen  „einschlägigen" Titeln zu Dritter Welt, Frauenpolitik und Soziologie, und auch die großformatigen Zeichnungen von Marie Marcks und Franziska Becker (der im Oktober eine eigene Ausstellung gewidmet wird) haben mir gut gefallen. 



 


Dann habe ich ein altes Versäumnis endlich beseitigt und mir Friedrich Eberts Geburtshaus angesehen. Nicht zuletzt nach Klaus Gietingers beiden Bänden „Eine Leiche im Landwehrkanal" und „Der Konterrevolutionär" haben sich meine erheblichen Zweifel an der Aufrichtigkeit der SPD-Führung 1918 bestätigt, und ich fürchtete, im Museum ein glorioses Bild des Reichspräsidenten präsentiert zu bekommen. Tatsächlich hat mir die Präsentation sowohl formal wie inhaltlich gut gefallen, und wer aufmerksam liest, kann feststellen, dass Eberts Haltung, es müsse unbedingt zu einer „legalen" Machtübernahme vom Kaisertum zur Republik stattfinden, was ja dann zu dem albernen Kaspertheater mit Max von Badens Zwischenspiel führte, durchaus wahrgenommen wird. Das ganz neu und modern ausgestattete Museum ist unbedingt einen Besuch wert. Im Seitenbau steht noch bis EndeAugust eine Tafel-Ausstellung über Erich Maria Remarque, „militanter Pazifist".  

Auf dem Weg guckten wir noch in die Peterskirche



wo eine junge Frau beeindruckend auf der großen Klais-Orgel von 1984 spielte. 



Schließlich waren wir noch in der Unibibliothek und haben die kleine Kabinettausstellung über Marie Luise Gothein angesehen. Selbst ich hatte schon einmal von Ihrer „Geschichte der Gartenkunst" gehört, aber das ist ein Thema, das mich nicht so wahnsinnig interessiert. 


Glücklicherweise richtet die Ausstellung auch einen Fokus auf die Biographie der Autorin. Anhand von Briefen und Fotografien lässt sich das Leben dieser ungewöhnlichen Frau nachvollziehen, die trotz ihrer persönlich selbstbewussten und intellektuellen Haltung sehr weit weg vom politischen und feministischen Fortschritt der zwanziger Jahre lebte. Die UB hat dankenswerterweise eine ausführliche Zusammenstellung von Originaltexten und Quellen online verfügbar gemacht. 

Und natürlich haben wir auch noch auf das Schloss geguckt, diesmal von oben.