Mittwoch, 10. September 2014

„ ...wie in einem Albtraum, aus dem man nicht erwachen kann”*

Dieser Beitrag steht hier auch als Audio-File zur Verfügung 



Der 11. September ist für Darmstädter seit 1944 ein unvergesslicher Tag - im Bomben- und Feuersturm kamen über 10.00 Menschen um, die historische Stadt wurde unwiederbringlich zerstört. Im Büchner-Blog habe ich einen schmerzhaften Kollateralschaden dieser Zerstörung geschildert.

Es gibt auch eine persönliche Betroffenheit von mir, die ich hier schildern will - und das, obwohl ich „erst” 1956 geboren bin. Als kleiner Junge, ich kann nicht älter als acht gewesen sein, war ich  an der Hand meiner Mutter in Darmstadt unterwegs, als plötzlich Feueralarmsirenen heulten. Wie von Sinnen zerrte sie mich so schnell, wie ich sie noch nie hatte laufen sehen, in eine Toreinfahrt und drängte mich schützend an die Wand. Wir waren beide stumm vor Aufregung und Schreck, und es scheint mir Minuten gedauert zu haben, bis sie wieder zur Besinnung kam. Ich habe in meinem ganzen Leben kaum etwas Erschreckenderes und Bedrohlicheres erlebt.

Das kann nun so gedeutet werden, dass  ich halt ein ziemlich behütetes Leben geführt habe und mich mit so einem lächerlichen Ereignis nicht so wichtig nehmen soll. Objektiv ist dem kaum zu widersprechen, subjektiv ist es aber ein Beispiel dafür, dass und wie wir die Traumatisierung unserer Eltern geerbt haben.


Meine Mutter und ich, ca. 1959 


Natürlich ist dieses Ereignis, an das ich mich so genau erinnern kann, nicht das einzige Erbe der Kriegsjahre, das mir meine Eltern hinterlassen haben. Mein 1919 geborener Vater, der sich auf Urlaub in Darmstadt mit meiner Mutter verlobt hatte, war im September 1944 als deutscher Soldat in britischer Kriegsgefangenschaft, sein 1924 geborener Bruder war im April '44 gefallen.

Mein Vater, ca. 1948 


Meine Mutter (* 1922) lebte mit drei jüngeren Geschwistern im Haus ihrer  Eltern, ein Bruder (*1924) war im März gefallen. Ihre Familie saß während des Bombenangriffs auf Darmstadt in der Merckstraße im Keller; das Haus wurde zerstört, sie konnten immerhin überleben. Sehr selten hat sie mir erzählt, was sie in dieser Nacht und den folgenden Tagen erlebt hat. Und erst vor wenigen Jahren hat ihr Bruder das mit seinen Erlebnissen in einem Gespräch über die Zeit für mich ergänzt.

Die zutiefst prägende Jugendzeit meiner Eltern in Faschismus und Krieg, die Erlebnisse meiner nächsten Verwandten beim vollständigen Verlust der gesamten Existenz, buchstäblich bis auf die Haut, ist eine Hypothek, an der ich bis heute zu tragen habe. Glücklicherweise kann ich sicher sein, dass sich die Familie meiner Mutter vorbildlich und aufrecht verhalten hat, mein Großvater F. G. Bringmann war als „Stadtmissionar” ein aufrechter Antifaschist. Mein Vater war als junger Soldat im „Frankreichfeldzug” und später in Nordafrika; in Italien auf dem Rückzug kam er ziemlich bald in Gefangenschaft. Mindestens an den widerlichen Kriegsverbrechen der Deutschen in Norditalien war er nicht beteiligt. An Widerstand hat er aber wohl kaum auch nur gedacht.

Für meine engere Familie stand es stets außer Frage, dass die Zeit des Faschismus in Deutschland Terror und Unterdrückung bedeutete, eine Relativierung wie in so vielen anderen Familien hat es glücklicherweise nie gegeben. Aber was die Terrorjahre auch mit den Menschen angerichtet haben, die meine Eltern wurden, war nie Thema. Ganz sicher habe ich Verhaltens- und Denkweisen „geerbt” und erworben, die auf ihre Erfahrungen zurück gingen. Der Schreck beim Sirenenton ist davon nur ein - halbwegs offensichtlicher - Teil.

Wenn heute zu Recht gefordert wird, die deutschen Soldaten, die traumatisiert aus den Einsätzen in Afghanistan zurückkommen, müssten viel gründlicher betreut und unterstützt werden, denke ich manchmal darüber nach, für wie viele Millionen Deutscher das 1945 gegolten hat. Fast niemand erhielt solche Hilfe, fast alle, ein ganzes Volk, trugen die Traumata ihr Leben lang - und gaben mehr als genug davon an ihre Nachfahren weiter.

Einer, der das ahnte und alles daran setzte, die Deutschen zur Reflektion und Aufarbeitung des Geschehenen zu bringen, war der  deutsche Dichter Carl Zuckmayer, der aus dem Exil in den USA als „Kulturbeauftragter der amerikanischen Regierung” 1945 durch Deutschland reiste. Sein „Deutschlandbericht” fasst die Erlebnisse zusammen - resigniert schreibt er:

„Wir erreichen die Menschen nicht. Wir finden keinen Weg in ihre Köpfe und Herzen!” und „Was wir den Deutschen heute antun, werden wir uns selbst antun”.  

In einer Besprechung schreibt die FAZ 2005: „Noch hatte er die Hoffnung, seine Berichte würden „wie eine Bombe einschlagen, Riesenwirbel machen”, entweder seine Entlassung bewirken oder „die sofortige Einsetzung eines neuen Stabes für drüben, in dem ich dann eine entscheidende Stellung übernehmen würde”. Seine Bereitschaft war groß, seine Erwartung ein Trugbild. Als er am 30. März auf dem La Guardia Airfield in New York landete, war die Truman-Doktrin schon zwei Wochen in Kraft, die die Eindämmung des Kommunismus verlangte und die kurze, heftige und fatale Epoche McCarthys einleitete.” Gleichzeitig endeten die US-Pläne, eine ernsthafte Aufarbeitung und Auseinandersetzung der Deutschen mit ihrer Vergangenheit zu befördern, stattdessen ging es jetzt um „Verteidigung” gegen den Ostblock, egal mit welchen Verbündeten von welcher Vergangenheit auch immer. Noch einmal die FAZ: „So ist dieses Buch, das verborgene Arbeiten Zuckmayers aus dem Nachlaß zusammenführt, ein geschichtsstarkes Lesebuch. Es beleuchtet die Verhältnisse, menschliche Schicksale, die Psychologie der Sieger wie der Besiegten. Und es setzt Reflexionen über Nachkriegsstrategien zukunftsoffener Versöhnung in Gang, die gegenwärtige Assoziationen nicht ausschließen”

Carl Zuckmayers Deutschlandbericht erschien 2004 im Wallstein-Verlag. dort ist es lieferbar; als Taschenbuchausgabe gibt es den Band inzwischen ebenfalls lieferbar bei Fischer.


* Carl Zuckmayer im zitierten Band: „Abreise 4. November, Ankunft in Frankfurt 10. November. ... Stand auf den Trümmern des Römerbergs, wie in einem Albtraum, aus dem man nicht erwachen kann."


Montag, 8. September 2014

... gar nicht so viel dicker als Tinte

Vor ein paar Jahren habe ich mich eine Zeitlang intensiver mit Familienforschung beschäftigt und ein paar hochinteressante Quellen zur Herkunft meiner Familie finden können.

Damals stolperte ich wie ein Kind durch die Tiefen und Untiefen des Netz und fand eine Genealogie-Website, die meine Familiendaten auf einen Schlag um viele Generationen ergänzte. Dazu hatte die Betreiberin, die verdiente Heidi Banse aus Michelstadt, auch noch einen Aufsatz über eine frühe Vorfahrin von mir veröffentlicht, in dem sie kenntnisreich und liebevoll die Geschichte der Neubesiedlung des Odenwaldes nach dem 30-jährigen Krieg durch Schweizer Bauern schildert. Die Judith Kunz aus diesem Bericht ist meine Urgroßmutter in der 8. Generation!

Hier eine graphische Darstellung der mir bekannten Nachfahren von Judith Kuntz (1647 - 1689) und Hans-Heinrich Brunner (1625 - 1688) bis zur Generation meines Großvaters Adam Brunner (links oben (1895 - 1977). Heidi Banse hat übrigens mit schweizer Material eine Verwandtschaftslinie bis zurück zu Albert Heusser, der im 14. Jahrhundert (!) auf der Insel Ufnau im Zürichsee lebte, zurück verfolgt, das ist mein Urgroßvater in der 17. Generation!




Natürlich bin ich inzwischen sowohl am Zürichsee wie in Ober-Mossau gewesen. Besonders interessant und aufschlussreich und ein gutes Beispiel für die Verknüpfung von privater und öffentlicher Geschichte ist es, dass die Brunners nach dem dreißigjährigen Krieg in einen aufgelassenen Ort - Ober-Mossau - kamen, den noch im Krieg der letzte Einwohner, Jacob Schaaf (keine Daten bekannt, Vater des 1632 in Seeheim geborenen Valentin Schaaf) verlassen hatte, um sich in Seeheim an der Bergstraße niederzulassen. Ausgerechnet dieser Valentin Schaaf ist ein direkter Vorfahr, der Großvater in 9. Generation, meiner in Seeheim geborenen Frau!

So bodenständig regional übrigens die Vorfahren meines Vaters als Bauern und Handwerker im Odenwald und seit dem 19. Jahrhundert in Arheilgen lebten (mein Ur-Großvater war noch als Schumacher zweimal in der Woche aus Fränkisch-Crumbach dorthin und zurück gelaufen...) und damit die Forschung vergleichsweise einfach machen, so unklar und bewegt stellt sich die Familie meiner Mutter dar. Der letzte mir bekannter Vorfahre in direkter Linie Bringmann ist „nur” mein Urgroßvater Friedrich Bringmann, * um 1870 in Bilshausen/Harz. Von meiner Großmutter mütterlicherseits dagegen gibt es eine ganze Menge genealogischer Erkenntnisse, die ich wohl einem Nazi-Vorfahren verdanke, der sich weit über die üblichen Recherchen zum Ahnenpass hinaus seiner arisch-germanisch-christlichen Vorfahren versicherte. Daher kenne ich immerhin meinen 5-fachen Großvater: Johann Engel Hölzemann, * 1763 in Nieder-Dreisbach.

So gerne ich das Zitat nutze, wonach wir als Zwerge auf den Schultern von Riesen stehen, um so daran zu erinnern, wie viel wir der Arbeit und den Kämpfen der Altvorderen verdanken, so wenig bietet meine Genealogie Riesen im übertragenen Sinne. Mit einer Verwandtschaftslinie zu Karl dem Großen kann und will ich nicht dienen. Im Übrigen geben kenntnisreiche Genealogen zu bedenken, dass durchschnittlich jedes 16. Kind zum Vater nicht den Ehemann der Mutter hat, ohne dass das aktenkundig würde. So gesehen endet jeder Nachweis von Blutsverwandtschaft ohnehin nach etwa 8 Generationen ...



Freitag, 5. September 2014

„ Huldigung und Verehrung ... von einem dankbaren Schüler in Staatsbürgerschaft an den Lehrmeister... ”*

Unser letzter kleiner Ferienausflug ging ins Badische - nicht zuletzt seit der Beschäftigung mit den USA-Auswanderern unter den 1848ern interessiert mich, was von der Geschichte des badischen Aufstandes und seines Endes noch vorhanden ist und wie mit diesen Überresten umgegangen wird.


Rastatt feiert dieses Jahr allerdings ein anderes historisches Ereignis: den Friedensschluss von 1714, zu dem wir im schönen Stadtmuseum  (unter dem link findet sich neben den Informationen zum Museum auch eine kleine Stadtgeschichte) eine Ausstellung gesehen haben.




Grenzpfosten und Fahne für die Delegation der Stadt zur Offenburger Versammlung im Museum 







Zu den Ereignissen von 1849 sahen wir dann im Schloss die Dauerausstellung „Erinnerungsstätte für die Freiheitsbewegungen in der deutschen Geschichte” des Bundesarchivs. Die Ausstellung verdankt sich dem Einsatz Gustav Heinemanns als Bundespräsident (dessen Urgroßvater selbst 48er war).

Das Rastatter Schloss, links hinten der Eingang zur Erinnerungsstätte 

Die gut gemachte und moderne Ausstellung krankt leider ein bisschen an den Räumen, in denen sie untergebracht ist - die Verfolgung der Zeitläufe folgt verwirrenden Schlangenlinien. Wie immer waren wir spät dran und haben „nur” den Teil zur Revolution 1848 ausführlicher angesehen. 


„Zeitstrahl" zur Revolution mit Berliner Barrikade 


Erfreulich ist jedenfalls der grundsätzlich positive Tenor, mit dem hier über Aufstand und Widerstand berichtet wird - die Sympathie der Ausstellungsmacher gehört unübersehbar den Revolutionären. 


Europäische Revolutionshüte - Hecker, Kossuth, Garibaldi 


Ein ganzer Raum ist der Belagerung Rastatts und dem Massaker an den gefangen genommenen Aufständischen im Juli 1849 gewidmet.

Diorama der Festung Rastatt mit den Pickelhauben der Unterdrücker 

Carl Schurz, der spätere Befreier Kinkels aus Berliner Haft und noch später US-Innenminister, hat sich in letzter Minute verstecken, der Verhaftung entziehen und über Abwässerkanäle fliehen können. Er ging dann über Frankreich ins Schweizer Exil.

Bei einem anschließenden Spaziergang durch die Stadt verfolgten wir den gut präsentierten Weg auf den Spuren der Demokraten. 


Das Gasthaus, in dem Amalie Struve während der Haft ihres Mannes Gustav wohnte 
und von wo aus sie aktiv am Widerstand teilnahm 


Das Rathaus, vor dem 14. Mai 1849 Lorenz Brentano 
die angetretenen Truppen auf die Reichsverfassung vereidigte 

Carl Schurz' Wohnhaus während der Belagerung 


(Kleiner) Gedenkstein für den Ort, an dem Schurz entkam 


Großer Gedenkstein für die erschossenen Demokraten, 
„Gewidmet 1899 von Sozialdemokraten und Demokraten aus Deutschland und Amerika”


Nachdem wir kürzlich schon in Kirchheim-Bolanden dem Freischarweg folgen konnten, freute es uns besonders, dass auch in Rastatt ein unübersehbar markierter Weg, zu dem es einen überall verfügbaren Flyer gibt (s.o.), zu den Stätten der Revolution führt und so zur Erinnerung beiträgt.

*aus Mark Twains Nachruf auf Carl Schurz


Montag, 1. September 2014

„ ... hält man sie gegen das Licht, so tun sie eine überraschende Wirkung” *

Auf unserem kleinen Sonntagsausflug sind wir gestern mal wieder in der „Altkolonie” Rheinhessen gewesen. Ich bin dort geboren und sechs Jahre lang aufgewachsen, und bis heute verspüre ich heimatliche Gefühle, wenn ich den Rhein nach Westen überquere. Zur Marseillaise singe ich heimlich immer das Lied der freien Wöllsteiner ... 




Erste Station machten wir in Bechtheim und besichtigten die Basilika St. Lambert. 





Leider war die Krypta nicht zugänglich, aber das schöne Kirchenschiff und die ein bisschen britisch wirkende Friedhofsanlage haben uns gut gefallen.

Wir sind dann in Kirchheim-Bolanden gelandet, wo leider ein bisschen „der Hund begraben war” - das schöne Städtchen war wie ausgestorben und das trübe Wetter machte die Lage auch nicht freundlicher. Zu einem kleinen Spaziergang und einem Eis auf dem Marktplatz hat's dann doch gereicht.

Kirchheim-Bolanden hat eine stolze republikanische Tradition - seit 1872 erinnert ein Denkmal an die gefallenen Freischärler der 1848-Demokratie und das Gefecht bei Kirchheim-Bolanden. Im Sockel birgt es eine Urkunde mit diese Text:

 „Im Jahre 1848–1849 hat die vom deutschen Volke gewählte deutsche Reichsversammlung in Frankfurt a. M. eine deutsche Reichsverfassung auf gesetzlichem Wege berathen und festgestellt, deren Ein- und Durchführung sich jedoch verschiedene deutsche Fürsten gegen den Wunsch und das Wohl des Volkes widersetzten. Die Bevölkerung der bairischen Pfalz und von Baden trat für ihr gutes Recht ein, ihre dafür streitende Volkswehr aber wurde von der Uebermacht der von den Fürsten gegen sie aufgebotenen Heere besiegt und die Hoffnung auf die Schaffung eines einigen, freien deutschen Reichs in damals unabsehbare Ferne hinausgerückt. An diesem Kampfe für sein gutes Recht wurde das pfälzische Volk von vaterlands- und freiheitsbegeisterten Männern und Jünglingen aus der rheinhessischen Nachbarprovinz unterstützt, welche eine Freischaar bildeten, die am vierzehnten Juni 1849 den ersten Kampf gegen eine in die Pfalz einrückende preußische Heeresabtheilung hier in Kirchheimbolanden zu bestehen hatte, wobei die nachstehend Aufgeführten (folgen die Namen) den Heldentod für Freiheit und Vaterland starben und auf diesem Friedhofe ihre letzte Ruhestätte fanden.“

Im Ort führt ein markierter „Freischarrundweg” zu Stationen dieser Geschichte, leider haben wir die nur zufällig gefunden. Eine Broschüre dazu habe ich inzwischen bei der Stadt angefordert, gestern war sie leider nirgends zu kriegen ...










Das Wetter war nicht freundlich mit uns - es begann zu regnen, und so muss die Liste der Kulturdenkmäler Kirchheimbolandens bei wikipedia weiter auf eine ganze Reihe fehlender Fotos warten. Bei Gelegenheit ... 



Beängstigender Hinweis im Eiscafé 


Auf dem Heimweg klarte es noch einmal auf, und so spazierten wir noch für eine Stunde durch Oppenheim. 


Der „rheinhessische Dom”, die Katharinenkirche, ist ein wirklich beeindruckendes Baudenkmal. 



Neben den wunderbaren Fenstern 


und einer Reihe gut erhaltener Grabsteine 

Grab der Anna von Dalberg, + 1410. Bedeutendes Denkmal im „weichen Stil”
mit früher Verwendung deutscher Sprache 

erinnert der Deckel des Taufbeckens an Paul Wallot, den Architekten des Reichstagsgebäudes, der aus Oppenheim stammte. 



Im Beinhaus der Kapelle liegen die Knochen von fast 20.000 OppenheimerInnen, die über Jahrhunderte auf dem viel zu kleinen Friedhof, der darüber hinaus durch besondere geologische Formationen die Verwesung beeinflusste (und das Grundwaser vergiftete ...), bestattet und später dort untergebracht wurden. Ein beeindruckendes Memento Mori. 






* „Ist die architektonische Ausführung höchst befriedigend, so setzen die gemalten Fenster mit ihren alleräußersten Einzelheiten in Verwunderung; hält man sie gegen das Licht, so tun sie eine überraschende Wirkung” schrieb der Geheimrat 1828. Dem ist wie üblich nichts hinzuzufügen. 


Donnerstag, 28. August 2014

Seit ich fühle, habe ich Goethe gehaßt, seit ich denke, weiß ich warum*

Überraschend gering scheint mir heute bisher die Würdigung von Siegfried Unselds Hochzeitstag - der angemessenerweise am Geburtstag des ähnlich großen Dichters Johann Wolfgang Goethe stattfand. Unseld hat sich selbst für seinen Grabspruch Hesses „Stufen” ausgesucht und damit zugleich auf ein einschlägiges Zitat des Olympiers verzichtet.

Am 28. August 1749 wurde Johann Wolfgang Goethe in Frankfurt am Main geboren. 1811 veröffentlicht er seine Autobiographie „Dichtung und Wahrheit” und beginnt mit den Worten:




Am 28. August 1749, Mittags mit dem
Glockenschlage zwölf, kam ich in Frankfurt
am Main auf die Welt. Die Constellation
war glücklich; die Sonne stand im Zeichen der
Jungfrau, und culminirte für den Tag; Ju¬
piter und Venus blickten sie freundlich an,
Merkur nicht widerwärtig; Saturn und Mars
verhielten sich gleichgültig: nur der Mond,
der so eben voll ward, übte die Kraft seines
Gegenscheins um so mehr, als zugleich seine
Planetenstunde eingetreten war. Er wider¬
setzte sich daher meiner Geburt, die nicht eher
erfolgen konnte, als bis diese Stunde vor¬
übergegangen.

So gefunden beim Deutschen Textarchiv


Im Ernst - es gibt schon schlechtere, derer am Geburtstag gedacht wird. Und der Weimeraner, den so viele immer wieder krampfhaft zum Frankfurter, andere sogar zum Hessen, machen wollen, ist bestimmt einmal im Jahr eines Gedanken wert - was fällt mir zu Goethe ein?

Ein guter Freund hatte an der Wand ein wahrlich ikonographisches Bild  (bei anderen war das „Marilyn, reading Ulysses”):


Nach dem Bild ist das möglichst unbefangen und assoziativ der Faust, ein paar Gedichtfetzen („Warte nur, balde ...” ; „ ... in seinen Armen das Kind ...”, „Röslein sprach ...”, ...), aus dem „Diwan” eins meiner Lieblingszitate: „Getretener Quark wird breit, nicht stark” und ein bisschen Prosa aus „Dichtung und Wahrheit”.

* Ludwig Börne in einem seiner „Briefe aus Paris” 

Börnes oft zitierter „Hass” auf Goethe ist natürlich kein kreatürlich-verabscheuender, Börne hasst intellektuell: gerade weil er Goethes außergewöhnliche Kunst kennt und würdigt, verachtet er den äußerlich servilen Fürstenknecht, der seinen Olymp nicht nutzt, um von dort mit Unterdrückung und  Fürstenherrschaft abzurechnen (wie Börne das von ganzem Herzen tut). Spätestens seit dieser Kontroverse müssen wir anerkennen, dass hohe Dichtkunst noch lange kein Zeichen für politische oder gar menschliche Qualität bietet. Glücklicherweise können wir heute ja Goethe und Börne lesen. Beider Werke sind natürlich längst gemeinfrei und auch online in durchaus erträglichen Formen digitalisiert zu finden. Ich empfehle die wikisource-Aufstellung zu Goethe und ebenso zu Börne.

edit I:

Bei heise online erschien zum gleichen Anlass ein Artikel zur geplanten historisch-kritischen Online-Ausgabe von Goethes Werke


und

edit II

In der FR schreibt der Tübinger Professor Wertheimer über den West-Östlichen Diwan: 

Goethe zeigt, wie es geht. Mit dem Mut, Denkschablonen abzustreifen; und auch mit Wut und „Unmut“, wenn’s sein muss! Und es muss sein, wenn es darum geht, sturen Dogmatismus – jeder Couleur – zu attackieren und ins Leere laufen zu lassen – durch ein schlichtes Bekenntnis zur Freiheit des Denkens:
„Mir gefällt zu konversieren,/ Mit Gescheiten, mit Tyrannen./ Da die dummen Eingeengten/ Immerfort am stärksten pochten,/ Und die Halben, die Beschränkten/ Gar zu gern uns unterjochten,/ (...) Dich vermag aus Glaubensketten/ Der Verstand allein zu retten,/ Dem du schon Verzicht getan.“


Dienstag, 26. August 2014

Tony Vaccaro fotografierte Pfungstadt

Vor einigen Jahren habe ich unter einer Menge von Fotografien zum Kriegsende 1945 ein Foto entdeckt, das ein Pfungstadt-Motiv zeigt - einen ganz selbstverlorenen jungen Schlittschuhläufer vor der Villa der Brauereibesitzerfamilie Hildebrand, die die Amerikaner beschlagnahmt und als „Chateaux Mo” zum Offizierskasino umgenutzt haben.


                                                      Villa Hildebrand. Bahnhofstraße 



Weitere Recherchen ergaben, dass das von dem später prominenten US-Fotografen Tony Vaccaro aufgenommen wurde. Vacccaro war nach seiner Zeit als Soldat für einige Monate für die Europaredaktion der US-Soldatenzeitung Stars and Stripes tätig, die unmittelbar nach der Befreiung in Pfungstadt auf Maschinen druckte, die die Frankfurter Zeitung vorsorglich ausgelagert, aber nie in Betrieb genommen hatte. Ich nahm Kontakt mit seinem Galeristen Reinhard Schultz in Berlin auf und erfuhr von ihm, dass es ein ganzes Konvolut von Pfungstadt-Fotografien gibt.

Das Pfungstädter Stadtarchiv erwarb großformatige Abzüge und stellte sie in einer gut besuchten Ausstellung, bei der Reinhard Schulz anwesend war, für einige Wochen in der ehemaligen Synagoge aus. Heute sind die Bilder im Stadtarchiv eingelagert.

Kürzlich erfuhr ich über seinen Facebook-Account, dass Tony Vaccaros italienische Heimatstadt Bonofrio kürzlich eine Ausstellung für den großen Fotografen eingerichtet hat. Hier ist ein italienischer Pressebericht über Vaccaros Besuch in seiner Heimatstadt.





Im „Normandie-Memorial” findet sich eine ausführliche Würdigung Vaccaros mit ein paar Videoclips und ausführlichen Informationen über die dortige Ausstellung (bis 31.12.14).

Dieser schöne Anlass hat dazu geführt, dass wir uns mal wieder austauschten, und ich habe Reinhard Schultz  ihn gebeten, hier ein paar der wunderbaren Pfungstadt-Bilder zeigen zu dürfen. Er hat das gerne erlaubt. Natürlich zeige ich hier nur eine niedrige Auflösung der Fotos, und natürlich besteht darauf das Copyright der AgenturBilderwelt, das ich zu beachten bitte. 

Vielleicht hat ja die eine oder der andere Lust, die Orte der Bilder heute aufzusuchen und aus der gleichen Perspektive neu zu fotografieren?



Kaplaneigasse 

Berliner Straße 

Ecke Eberstädter/Bahnhofstraße Nordseite

Fabrikstraße. Das Gelände der ehemaligen Druckerei 

Ecke Eberstädter/Bahnhofstraße, Südseite. Das heute verschwunden Hotel Strauß

Eberstädter Straße nach Westen von der Ecke zur Waldstraße 

Rheinstraße nach Osten 


Sonntag, 24. August 2014

Bücher als Repräsentationsmöbel - heute hui, morgen ...

Immer wieder erreichen mich Angebote von Buch-Resteverkäufern, vulgo Ramschern, die offenbar trotz des triumphalen Siegeszuges der E-Books ganz gut mit der Drittverwertung von Gedrucktem über die Runden kommen.

Ich sehe die meist in „2001-Manier” kleinformatig und auf Dünndruck-Bibelpapier hergestellten kleinen Kataloge gerne durch. Oft finde ich Bücher angeboten, die ich aus Geld- oder anderen Gründen beim Erscheinen nicht gekauft habe, regelmäßig finden sich da voluminöse Ausstellungskataloge, die ich mir mit oder ohne Besichtigung derselben verkniffen habe zu kaufen und natürlich amüsieren oder ekeln mich die Abgründe von Militaria und Softpornos, die offenbar erheblich zum Umsatz beitragen.
Kaufen tue ich da allerdings nur selten; ich habe ja unter dem Eid zu leiden, mit dem ich meiner Gattin zugesagt habe, für jedes neue Buch im Haus zwei alte wegzugeben ...

Ein besonderes Kapitel sind aufwändige Faksimiles, die ebenfalls regelmäßig in den Angeboten auftauchen. Viele davon sind vor fünf, sechs Jahren mit ganzseitigen Zeitschriftenanzeigen, hochwertigen Editionsprospekten und vermutlich sogar via Hausbesuch beworben worden. In manchen Familien sind so für viele hundert, manchmal sogar einige tausend Euro vermeintliche Wertsachen angeschafft worden, die eines Tages, spätestens nach dem Tod des Erwerbers, zur krassen Enttäuschung (noch) lachender Erben werden können. Ich persönlich sehe nur einen einzigen Anlass für die Herstellung von Faksimiles: das ist die Gelegenheit, Menschen bemerkenswerte Werke der Buch- und Druckkunst zum Anfassen nahe zu bringen, ohne die Originale zu schädigen. In einigen Museen und Ausstellungen habe ich das so angewandt gesehen und gut gefunden. Ernsthafte Forschung wird aber immer zum Original gehen, und reines Lektüreinteresse können natürlich weniger aufwändige Reproduktionen und erst recht Digitalisate befriedigen.

Verblüffend ist das Geschäft mit den Nachdrucken auch, weil es ja einen riesigen Markt voller Originale gibt. Antiquare können ganze Opern darüber singen, wie schön und günstig sie wertvollste Originale aus fast jedem Interessensgebiet von Wissenschaft und Kunst anbieten können, und wie laienhaft und peinlich der Stolz auf Nachgemachtes häufig wirkt - ganz abgesehen von dem Jammer, der bei den erwähnten scheinbar reich gewordenen Erben geweckt werden muss, wenn diese die „Schätze" versilbern wollen.

Gerade eben bietet man mir das Faksimile eines Chirurgiefachbuches von 1844 an („230 S., 60 ganzs. Tafeln, 30 x 39 cm, Goldprägung, Rücken in Seidenleinen, handgebunden in genarbtem Cabra-Leder”). Ich will jetzt gar nicht über die Hybris der Buchausstattung spotten - die paar Euro mehr für echtes Leder z.B. hätten schon drin sein können ... Aber: der Band wurde für sage und schreibe 519 € verkauft. Nun gibt es also sicher irgendwo den eine oder anderen Oberarzt, der sich das Ding entweder mal selbst geleistet hat oder, mindestens ebenso wahrscheinlich, es als repräsentatives Geschenk erhalten hat. Heute gibt's das auf der Resterampe für 49,90 € (ich nenne auf Anfrage gern den Anbieter). An anderer Stelle finde ich gerade: „Erwerben Sie hier eine wahre Rarität zu einem absolut top Preis.(370 statt 1.700 € - pb) Die Bibel wurde als Renditeobjekt erworben und ist absolut ungelesen!” Zur Suchfolge „faksimile wertvoll sonderangebot” nennt Google knapp 100.00 Fundstellen.

Mein völliges Unverständnis bei diesem Geschäft ist, ob sich denn Verlag und Händler nicht bewusst sind, dass sie mit dem kleinen Extraprofit dieser Ramschverkäufe ihren Markt zerstören - oder, wenn das nicht der Fall ist, wie zwei dann wohl ganz voneinander getrennte Märkte für die gleiche Ware tatsächlich nebeneinander her existieren können.

Noch einmal: ich anerkenne jede Berechtigung von Ramschverkäufen, und gelegentlich dient das ja auch zur Erkenntnis über den durchsetzbaren Preis von Büchern (manche Reihenwerke oder Werkausgaben sind für den Ramsch zum dort gefundenen Marktpreis x-fach öfter nachgedruckt worden als in der Originalausgabe). Bei teuer verkauften Faksimiles fehlt mir dagegen jedes Verständnis, falls es sich nicht um Notverkäufe handelt (was dann allerdings nicht für die Rentabilität von Faksimile-Produktion sprechen würde).