Sonntag, 5. Oktober 2014

Klein aber Mainz

Am Samstag fuhren wir mit drei Zielen nach Mainz:

- Spaß auf dem Markt haben und ein bisschen was einkaufen



- das Café/Restaurant Forster im Naturkundemuseum ausprobieren




- und die Ausstellung im Dommuseum über Franz von Kesselstadt ansehen.



Gesagt, getan. An diesem wunderbaren Spätsommertag war der große Markt wirklich ein Erlebnis, das wir allerdings mit dem größeren Teil der Bevölkerung von Stadt und Umland teilten. Von Angebot und Atmosphäre ist der Markt wirklich weit und breit unübertroffen; und so sehr ich auch die Frankfurter Kleinmarkthalle schätze, so sehr ist mir doch hier Stimmung und Publikum näher und lieber (um so mehr, als sich das in Frankfurt in den letzten Jahren auch sehr zum Schicki-Micki hin veränder hat...). 

Dass Frankfurt nicht hessisch ist, weiß ich ja schon lange,
aber deutsch isses eigentlich schon ... 
Zierkürbisse sind übrigens essbar! 


Weck und Worscht müsse erscht emol uff de Woi woarte! 

Überschäumend - vorne im Strauß blüht Borretsch
(soll ja sowieso besser nicht gegessen werden...) 
Tolles Bio-Angebot
Hans Fallada konnte über hundert verschiedene Kartoffelsorten
auseinander halten - das hat schon was von Paradies
(wir haben „Hörnle" eingekauft)! 



so wars um 12 ... 
und so um 4, da war der Markt verlaufen ... 
... um die Ecke gabs aber noch was zu trinken! 


Das Café Forster  im Naturkundemuseum 

hat uns interessiert, weil es nicht nur nach dem großen Forster heißt, sondern sich auch ganz bewusst auf ihn beruft, weil es mit günstigen und attraktiven Angeboten wirbt und weil es ein Inklusionsprokjekt ist. Seit 2011 betreibt hier die Gesellschaft für psychosoziale Einrichtungen gGmbH ein Museumsbistro. Auf der website heißt es dazu:



„Wir als gpe – Gesellschaft für psychosoziale Einrichtungen gGmbH in Mainz 
fühlen uns Georg Forster verbunden, nicht nur, weil er eine besondere Beziehung 

zu Mainz hatte und als Naturforscher wunderbar in das Naturhistorische 

Museum passt, sondern auch und vor allem, weil er ein Revolutionär, 

ein Freidenker und einer der ersten Verfechter der bürgerlich-demokratischen 
Grundrechte war. Denn auch die gpe verfolgt eine fortschrittliche Idee: 
Wir möchten dafür sorgen, Menschen mit Handicap und den unterschiedlichsten 
Fähigkeiten in einem Team zu integrieren, um gemeinsam eine 
attraktive und marktfähige Dienstleistung anzubieten.  
Erforschen Sie unsere Welt unterwww.gpe-mainz.de
Hier, im Café Forster, möchten wir Sie einladen, ganz im Sinne Georg Forsters: Bereisen Sie Genuss – erforschen Sie Praktisches – entdecken Sie Ihre Pause neu” 



Nachdem ich mir auf dem Markt mit Mühe verkniffen hatte, etwas zu essen, hab ich dann hier Weck un Worscht geordert - zu der sehr ordentlichen Fleischwurst (blass, weil ungepökelt) kam ein bisschen schwerer Majo-Kartoffelsalat. Die Gattin nahm den reichhaltigen Salatteller mit gutem Bulgur, und mit ihrer Schorle und meinem Bier haben wir 20 € bezahlt - das ist ok.

Bei Gelegenheit werden wir hier sicher mal das Sonntags-Brunch-Buffett ausprobieren, und vielleicht schaffen wir's dann auch ins Museum rein (wobei uns die derzeitige Sonderausstellung nicht so recht  anlockt - „Aufgrund der Sonderausstellung "Monster" sind zur Zeit die Pferde, Quaggas, Nashörner und Bären nicht ausgestellt.") Das Café ist von der Straße aus ohne Museumseintritt zugänglich.

And now something completely different:



Franz Ludwig Hyazinth Xaver Willibald Maria Reichsgraf von Kesselstatt (* 18. September 1753 in Trier; † 18. November 1841 in Mainz) war ein Mainzer Domkapitular und Maler von zeitgenössischen Mainzer Stadtansichten des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts.” weiß wikipedia. Diesem Herrn widmet das Dommuseum eine Sonderausstellung, die in Mainz naheliegenderweise seine zahlreichen naturgetreuen Ansichten der Stadt in den Mittelpunkt stellt. wikipedia weiß dazu: „Die malerischen Arbeiten von Franz Ludwig von Kesselstatt waren weniger von herausragender künstlerischer Qualität. Eine Bewertung seines Schaffens über die Jahrzehnte zeigt keine wesentliche künstlerische Weiterentwicklung. Die Bedeutung seiner Mainzer Werke sind eher von stadt- und kunsthistorischer Bedeutung, da sie Gebäude und Plätze zeigen, die oftmals bereits zur Mitte des 19. Jahrhunderts in dieser Form nicht mehr bestanden.”

Auch die berühmte Totenmaske Shakespeares
(hier eine Kopie), heute in der Darmstädter
 Landesbibliothek, stammt aus Kesselstadts Sammlung.
Ohnehin ist uns Mainz nicht so vertraut, dass wir beim Besichtigen der Bilder "Aha-Effekte" hätten haben können; aber das ist für Mainzer bestimmt ein guter und wichtiger Grund, die schönen Bilder, zu denen freundlicherweise an der Museumskasse eine Lupe gereicht wird, gründlich zu betrachten und die Stadtgeschichte in Bildern zu besichtigen. Gezeigt wird hier aber neben der offensichtlichen Schilderung der Veränderung der Stadt zwischen 1780 und 1820 auch die Veränderung der Zeiten; und das ist dann allerdings ein Gegenstand, der uns immens interessiert. (Übrigens war der oben erwähnte Forster seit 1788 Bibliothekar in Mainz und hat Kesselstatt sicher gekannt). Dieser Mainzer Domherr stammte aus einer Adelsfamilie, die über Jahrhunderte administrative Ämter ausgeübt hat; mit sieben wird er Domizellar in Mainz, studiert in Wien, Straßburg und Nancy Recht und Finanzen und ist dann von 1778, da ist er 25, in Mainz und wirkt als Domkapitular bis zum Ende des Kurstaats  unter der französischen Besetzung 1797. Bis zu seinem Tod 1841 lebt er seitdem als Privatier in Mainz. 1814 hat er noch die diplomatische Mission übernommen, Mainz beim Wiener Kongreß zu vertreten, und sich dort für das weitere Stapelrecht für die Stadt einzusetzen - vergeblich. Offenbar hat er fast fünfzig Jahre seines Lebens mit Sammeln und Malen verbracht. Nach seinem Tod wurde die - vergleichsweise kleine - Bibliothek und die große und wertvolle Sammlung von Kunstgegenständen, meist Gemälden, verauktioniert; was die Sammlung auflöste, uns aber immerhin in Gestalt der gedruckten Kataloge eine gute Vorstellung von ihr verschafft.
Was für ein Leben! Bis zur französischen Revolution muss er noch in Traditionen und Gewissheiten gelebt haben, die die kommenden Veränderungen noch nicht einmal ahnen ließen. Dann erlebt er das Donnergrollen der französischen Revolution, die Flucht des Erzbischofs Erthal 1792 (der er sich verblüffenderweise nicht anschließt), die Gründung der ersten deutschen Republik von Frankreichs Gnaden, deren Ende, Beschuss, Zerstörung, Besatzung, erneute Eroberung der Stadt bis 1816 schließlich den Anschluss an Hessen-Darmstadt. Von 1801 bis 1813 regierte Ludwig Colmar als „französischer Bischof”. All diese wirklich welterschütternden Ereignisse scheinen sein mittelalterlich verankerte Leben kaum beeinflusst zu haben - ich würde zu gerne in seinen „Kollektaneen”, 19 Bänden von an die 300 Seiten, („Notizen und Zeichnungen, Abschriften und eingeklebte Ausschnitte”) blättern und finden, was ihn bewegt hat. 

Einige der Kollaktaneen -
„alles, was ihm interessant und merkwürdig erschien". 


Unter der französischen Besatzung haben ihn die Mainzer wiederholt in den Stadtrat gewählt - vergeblich, er nahm das Amt nicht an. Es darf vermutet werden, dass er als Repräsentant der alten Ordnung verstanden wurde. Mit den Segnungen der heiligen Kirche versehen stirbt er, um den herum Europa Rad schlug, im 89. Lebensjahr (!) friedlich in seinem Bett - sein Grab ist nicht erhalten. 


Erzbischof Carl Theodor von Dalberg.
Portrait eines unbekannten Malers aus Kesselstadts Sammlung
der Mainzer Bischofsportraits

Ach so: Tafelspitz, Grüne-Soße-Kräuter, Bamberger Hörnle, Mangold und zwei kleine Spitzkohl, alles in bester Qualität, haben wir vom Markt mitgenommen (und 10 € - !! - für's Parkhaus am Brand bezahlt). 



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