Samstag, 22. November 2014

Wir alle haben Nazis getroffen

Zu meiner samstäglichen Zeitungslektüre gehört ziemlich regelmäßig eine Bildzeitung. Das dient mir in selbstgerechter Überheblichkeit zur Bestätigung getroffener Urteile und zur Erkenntnis darüber, was aktuell Stammtisch- und Kantinenthema in Deutschland ist.

Heute früh ist es der Redaktion gelungen, mich zu überraschen. Über eine ganze Seite wird berichtet, wie die Bildzeitung in den sechziger Jahren Überwachungsgegenstand des BND geworden ist (ACHTUNG: dieser Link führt auf die Seite der Bildzeitung, was hier eigentlich nicht üblich ist ... „So spähte der BND den Verlag Axel Springer aus”). Das ist schon insofern ein starkes Stück, als die gesetzlich definierte Aufgabe des Bundesnachrichtendienstes die AUSLANDSaufklärung ist. Bild schließt den online-Bericht so:

„Warum wollte das Kanzleramt über den BND Informationen aus dem Springer-Verlag?
Bodo Hechelhammer, Leiter der Forschungs- und Arbeitsgruppe BND-Geschichte, zu BILD: „Die Erforschung und rechtliche Beurteilung von historischen Sachverhalten bleibt hiesigen Erachtens der wissenschaftlichen Forschung vorbehalten und ist nicht Aufgabe des BND.“

Ausriss: BILD vom 22. 11. 2014


Der Spitzel war Horst Mahnke, Ex- SS-Hauptsturmführer, hauptamtlich in Himmlers Reichssicherheitshauptamt (RSHA) und nach dem Krieg 1952 bis 1960 Redakteur und Ressortleiter des Nachrichtenmagazins Der Spiegel, dann Chefredakteur von Axel Springers Zeitschrift Kristall, Geschäftsführer im redaktionellen Beirat des Springer-Verlags und 1969 bis 1980 Hauptgeschäftsführer des Verbandes Deutscher Zeitschriftenverleger. Im Netz ist der heutige Bericht in drei Teile geteilt, neben dem o.a. Text gibt es auch noch (ACHTUNG: auch diese Links führen auf die Seite der Bildzeitung, was hier nicht einreissen soll) „Der Mann, der bei Springer „DN Klostermann“ war” und „Forderte Israel den Rauswurf ...” .  Der SPIEGEL, wo Mahnke 1956 Leiter des Ressorts „Internationales” war, berichtete 2013 über die „Inlandsaufklärung” des BND und nannte auch seinen Namen. Mahnke spielt als enger Mitarbeiter Six's auch eine Rolle in Lutz Hachmeisters Habilitation „Der Gegnerforscher. Die Karriere des SS-Führers Franz Alfred Six” (1998 bei C. H. Beck erschienen, vergriffen. Six war ein deutscher SS-Brigadeführer, NS-Funktionär, Propagandist des Holocausts und nach 1945 Werbechef der Porsche Diesel Motorenbau GmbH. 1953 war er Geschäftsführer des C. W. Leske-Verlages in Darmstadt). 

„Dr.” Horst Mahnke, der 1941 mit einer Arbeit „zur freimaurerischen Presse in Deutschland” „promovierte” (keine Frage, dass das ein widerliches Konglomerat von Verschwörungstheorie und Nazibarbarismus war, das die Deutsche Bibliothek mit „nicht für den Austausch” markiert, aber sehr wohl eine Frage, warum eigentlich all die ehrenhaften Doktoren unter Nazi-Recht fraglos promoviert bleiben... ), wurde 1969 Hauptgeschäftsführer im Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ).

Ich musste diesen Herrn in den 80er Jahren kennenlernen, als er als Pensionär regelmässig Lehrgänge für Auszubildende Verlagskaufleute in Zeitschriftenverlagen in der Seckbacher Buchhändlerschule betreute. Wir haben diese Gastkurse des VDZ damals gerne aufgenommen, weil sie im Dezember die Lücke füllen konnten, die entstand, weil Buchhändler-Auszubildende dringend im Verkauf gebraucht wurden und keine Berufsschule besuchen sollten. Ich erinnere mich noch, dass Mahnke einerseit fast serviler Respekt entgegengebracht wurde, während andererseits mein Freund und Kollege Klaus Staemmler aus offenbar guten Gründen deutlich Distanz hielt. Aber erst heute habe ich von der skandalösen Nazivergangenheit dieses Herren erfahren. 

Bei der Gelegenheit besuchte ich die Website des Verbandes, der über ein Jahrzehnt lang kein Problem mit dem Altnazi als Hauptgeschäftsführer hatte. Es wundert mich nicht, dass sich sein Name dort heute nicht mehr findet; dass die „Chronik” bis 1939 und dann wieder ab 1946 berichtet, ist sicher reiner Zufall.

Ich habe nie Verständnis oder gar Sympathie für die Forderung nach „endlichem Vergessen” oder wie auch immer der Wunsch nach Ende der Diskussion über die Nazi-Verbrechen genannt wird, gehabt. Gerade solche Geschichten, die uns vor Augen führen, wie nahe das Verbrecherpack uns bis zu seinem biologischen Verschwinden ständig gewesen ist, und wie selbstverständlich sie als Ehrenmänner auftreten konnten, lässt es mir kalt über den Rücken laufen und zeigt, dass nicht zuviel, sondern viel zu wenig aufgearbeitet wurde.

Was hätte ich als 25-jähriger getan, wenn ich von Mahnkes Vergangenheit gewusst hätte? Keine Ahnung. Eine Möglichkeit wäre gewesen, Verbündete zu suchen (bei der VVN, nach 1977 auch beim Simon-Wiesentahl-Center, seit 1995 gibt es das Fritz-Bauer-Institut).

Richtig wäre gewesen, den Mund nicht zu halten - egal, was ich getan habe oder hätte.

Edit 24.11.14:

Mittlerweile haben auch die SÜDDEUTSCHE und der SPIEGEL berichtet 





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