Freitag, 2. Januar 2015

„Hesse ist, wer Hesse sein will”

Ich will am ersten Werktag des Jahres nicht gleich so weit gehen, den amtierenden Ministerpräsidenten Hessens als politisches Vorbild vorzuschlagen.

Allerdings hat Volker Bouffier in seiner Neujahrsansprache einen großen Satz gesagt und damit einen bedeutenden hessischen Sozialdemokraten, Vater der hessischen und der bundesdeutschen Verfassung, nämlich Georg August Zinn, zitiert. (Leider ist der wikipedia-Eintrag zu ihm nicht besonders ergiebig, leider liefert auch die Friedrich Ebert-Stiftung nicht mehr. Offenbar hat es auch nie eine Biographie Zinns gegeben?!)

„Hesse ist, wer Hesse sein will” 


war Zinns Motto für den ersten Hessentag, und das war im Nachkriegshessen ein wahrhaft programmatischer Satz. Das neue Bundesland, das aus zwei seit Jahrhunderten getrennten Landesteilen nach Vorgabe der Alliierten neu zusammengesetzt wurde (und gleichzeitig den nicht unbedeutenden linksrheinischen Teil wegen französischer Ängste aufgeben musste), hatte sowohl mit der Identitätsfindung wie mit der Integration von Flüchtlingen zu tun. Mit dem jährlichen „Hessenfest” sollte das befördert werden.

Ein linksrheinischer Hesse, Carl Zuckmayer aus Nackenheim bei Mainz, hat  in seinem Schauspiel „Des Teufels General” den riesigen Vorteil der Aufnahme von Fremden in unserem Land geschildert. Der Fliegergeneral Harras tröstet den Fliegerleutnant Hartmann, der keinen arischen Ahnenpass zusammenbekommt:

„Und jetzt stellen Sie sich doch mal Ihre Ahnenreihe vor – seit Christi Geburt. Da war ein römischer Feldhauptmann, ein schwarzer Kerl, braun wie ne reife Olive, der hat einem blonden Mädchen Latein beigebracht. Und dann kam ein jüdischer Gewürzhändler in die Familie, das war ein ernster Mensch, der ist noch vor der Heirat Christ geworden und hat die katholische Haustradition begründet. – Und dann kam ein griechischer Arzt dazu, oder ein keltischer Legionär, ein Graubündner Landsknecht, ein schwedischer Reiter, ein Soldat Napoleons, ein desertierter Kosak, ein Schwarzwälder Flözer, ein wandernder Müllerbursch vom Elsaß, ein dicker Schiffer aus Holland, ein Magyar, ein Pandur, ein Offizier aus Wien, ein französischer Schauspieler, ein böhmischer Musikant – das hat alles am Rhein gelebt, gerauft, gesoffen und gesungen und Kinder gezeugt – und – und der Goethe, der kam aus demselben Topf, und der Beethoven und der Gutenberg, und der Matthias Grünewald, und – ach was, schau im Lexikon nach. Es waren die Besten, mein Lieber! Die Besten der Welt! Und warum? Weil sich die Völker dort vermischt haben. Vermischt – wie die Wasser aus Quellen und Bächen und Flüssen, damit sie zu einem großen, lebendigen Strom zusammenrinnen. Vom Rhein – das heißt: vom Abendland. Das ist natürlicher Adel. Das ist Rasse. Seien Sie stolz darauf, Hartmann – und hängen Sie die Papiere Ihrer Großmutter in den Abtritt. Prost.” 

Wer's gerne melodramatisch mag, findet  hier Curd Jürgens in seiner Paraderolle mit dem gebührenden Sentiment.

Bereits im April 2012 ging es mir übrigens ähnlich, als Bundespräsident Gauck öffentlich sagte:

„Dazu gehört, wer dazu gehören will”


Wenn diese beiden kleinen Sätze 2015 in Bund und Land Bedeutung und Anerkennung gewinnen, wird es am 31.12. kein ganz schlechtes Jahr gewesen sein. 

Bei der Gelegenheit wünsche ich allen Freundinnen und Bekannten, dass sie dort dazugehören können, wo sie sich das wünschen, und dass sie selbst all denen gegenüber offen sind, die sich Aufnahme von ihnen wünschen! 






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