Dienstag, 14. Juni 2016

Was für ein Geburtstagsfest!


Die Darmstädter Luise Büchner-Gesellschaft hat zu Luise Büchners 195. Geburtstag am 12. Juni 2016 zu einer Benefiz-Veranstaltung für das geplante Denkmal für Luise Büchner eingeladen, bei der prominente Darmstädterinnen mit Texten der Jubilarin an Leben und Werk der frühen Frauenrechtlerin erinnerten.



Die Vereinsvorsitzende Agnes Schmidt



Die Vorsitzende Agnes Schmidt begrüßte im Darmstädter Literaturhaus eine erwartungsvolle Geburtstagsgesellschaft.

Alle vortragenden Frauen haben ihre eigenen Erfahrungen mit der Durchsetzung von Frauenrechten gemacht, und alle bemerkten, dass das Erreichte Frauen wie Luise Büchner zu verdanken ist.



Brigitte Zypries, Staatssekretärin im Bundeswirtschaftsministerium und gerade neu gewählte Vorsitzende der Darmstädter SPD

Brigitte Zypries las Luise Büchners Text über ihren ersten Berlin-Aufenthalt, bei dem sie noch vor der Reichsgründung in der preußischen Hauptstadt den Lette-Verein und seine Einrichtungen besuchte. Der heutige Sitz des Lette-Vereins in Berlin ist übrigens ein Gebäude, das ausgerechnet der Darmstädter Alfred Messel errichtet hat.

„Was sind alle Maschinen, alle Erfindungen der Neuzeit im Vergleich zu der lebendig wirkende Kraft menschlichen Geistes, der Jahrtausende lang brach gelegen und nun endlich seinem unnatürlichen Schlummer entrissen wird? Mag es Schwachheit sein, aber es ist für mich ergreifender und rührender, als irgend sonst etwas, wenn ich solch ein Haus betrete, wo die ersten schwachen Keime dieser geistigen Befreiung und Veredlung gepflegt und gekräftigt werden. Jetzt erst fängt man an, dieses geistige Kapital auch um seiner selbst willen zu schätzen, zu retten, nachdem abermals materielle Gründe oder die Not des Lebens den ersten Anstoß dazu gegeben haben. [...]”



Der heutige Bau des Lette-Vereins in Berlin am Viktoria-Luise-Platz,
errichtet 1901/2 von Alfred Messel







Ruth Wagner, Ex-Landesministerin,. Ex-MdL, Ehrenvorsitzende der hessischen FDP, Kuratoriums-Vorsitzende des Kulturfonds Frankfurt RheinMain

Ruth Wagner hatte selbst zwei Texte aus Luise Büchers „Die Frauen und ihr Beruf” ausgewählt. Neben der Aufforderung an junge Frauen, sich durch Lernen auf das Leben vorzubereiten, trug sie noch ein schönes Zitat zur „ledigen Frau” vor, das sie selbst mit dem Hinweis ergänzte, wie sinnvoll und erfüllend gerade für Ledige die Familienrolle der „Gode” - der Patentante - sein könne. Eine Rolle, die bei den Büchners unseres Wissens eher Mathilde eingenommen hat; allerdings sind Luise Büchners schöne „Weihnachtsmärchen” wohl aus dem Erzählen für Ludwig Büchners Kinder Georg und Mathilde entstanden.


„O, ihr rosigen Kinder, euren Frohsinn und eure Heiterkeit möchten wir um keinen Preis der Welt euch rauben, ihr sollt Rosen in´s Haar flechten und das weiße Gewand tragen, aber darunter die Rüstung der Pallas Athene.“

Karin Wolff, Ex-Ministerin, MdL 

Karin Wolffs Text von Luise Büchner beschäftigte sich mit Mädchenbildung - „ausgerechnet”, wie die frühere Kultusministerin lächelnd bemerkte.


„So wagen wir denn zu behaupten, dass meist nur der Schein der Bildung an den Ausgangspforten fast aller unsrer höheren weiblichen Institute und Schulen zu finden ist und noch dazu häufig mit einer unangenehmen Prätension verbunden. Selbst der Einwurf, dass es überall wirklich gebildete Frauen gäbe, kann hier nicht gelten. Die strebenden und denkenden Frauen sowohl unserer als früherer Tage, verdanken ihre gründlichere Bildung nur in den seltensten Fällen der Belehrung, die sie in der Schule empfingen. Entweder war ihnen dieselbe durch glückliche häusliche Verhältnisse vermittelt, oder sie haben sie sich erst später durch eigene Kraft und Anstrengung erworben, mit manchem vorwurfsvollen Rückblick nach der schlecht genützten Schulzeit und manchem sauren Schweißtropfen des früher Versäumten nachzuholen. Diese Beispiele könnten den hinlänglichen Beweis liefern, dass der Fehler keineswegs in der weiblichen Natur überhaupt zu suchen ist, wohl aber darin, dass man dieser Natur nicht auf die richtige Weise entgegenkommt.”



Daniela Wagner, Ex-MdB, Vorsitzende der hessischen Grünen

Daniela Wagner trug Luise Büchners späten Bericht über studierende Frauen in Zürich vor. Kenner ihres Werkes konnten hier besonders deutlich wahrnehmen, wie sich Luise Büchners Haltung zur „Eignung” von Frauen für verschiedene berufliche Tätigkeiten mit ihren Erfahrungen und Erkenntnissen entwickelten: noch heute wird sie häufig für ihr Lob des „Hausfrauentums” gescholten, das sie allerdings von Anfang an zu professionalisieren suchte, während sie doch tatsächlich immer eine Protagonistin weiblicher Berufstätigkeit war.


„Nicht auf das, was geschieht, sondern wie es geschieht, kommt es hier an, denn ich teile durchaus nicht die Ansicht, welche vor einiger Zeit wieder ein gelehrter Herr Professor in einem Vortrag in Rostock über das Studium der Medizin geltend gemacht hat, dass es für die kurze Zeit unserer Lebensdauer kaum angemessen und nicht der Mühe wert sein dürfte, Frauen vermeintlich vollkommener zu machen, als sie bereits seien. Nach Jahrtausenden will er sich die Sache eher gefallen lassen, denn er meinte, einen Satz des alten Turnvaters Jahn zitierend: Alles, was so ist, wie es sein soll, muß so bleiben, wie es ist. Ein schöner Grundsatz, von dem nur zu bedauern, dass ihn nicht schon Adam und Eva im Paradies gekannt und befolgt hatten und den bewussten Apfel am Baum hängen ließen. Aber der Apfel blieb nicht und so wird auch unsere Generation schwerlich noch einige Jahrtausende warten, um Begünstigungen zu erstreben, die ihr jetzt begehrenswert erscheinen. Wahrlich, die Frauen haben lange und geduldig genug darauf gewartet, bis man hier und dort endlich anfängt, ihnen die freie Disposition über ihre geistigen Kräfte zuzugestehen. [...]”



Kerstin Lau, Fraktionsvorsitzende von „Uffbasse” im Darmstädter Stadtparlament

Kerstin Lau las einen kämpferischen Aufruf Luise Büchners zur Erkämpfung und Verteidigung des Rechtes aller Frauen auf Bildung und Berufsausübung.


„Die Frau soll hinfort von keiner Art der Arbeit, sei sie mechanischer oder geistiger Natur, mehr ausgeschlossen sein, für welche sie ihre Befähigung tatsächlich erwiesen hat. Um dieses Ziel zu erreichen, bedarf es zweier Wege: einen, der ihr den Eintritt in solche Arbeitsgebiete eröffnen wird, die ihr bis dahin noch verschlossen waren, den andern, welcher sie für jede Art der Arbeit genügend vorbildet und erzieht. In diesen zwei einfachen Sätzen konzentriert sich zunächst alles, was für die Lösung der „Frauenfrage“ zu tun ist. – Bis zu welchem Grade diese Frage, sowie die von der künftigen sozialen Stellung der Frau von höchster Bedeutung geworden ist, und wie sie die ganze zivilisierte Welt in Bewegung setzt, wie sie selbst die vorzugsweise romanischen Länder, Spanien und Italien ergriffen hat, beweist der Umstand, dass in Italien bereits seit dem vorigen Jahr ein Blatt ins Leben trat, unter dem Titel: La Donna, die Frau. Auch in Deutschland ist unsere Zeitschrift nicht das erste in seiner Art, in der umfassenden Weise jedoch, wie wir es auszuführen hoffen, noch neu. Gestützt auf den Vereinsverband, welcher sich bei der im Spätherbst 1869 zu Berlin stattgehaltenen Frauenkonferenz begründet hat, tritt der „Frauenanwalt“ ins Leben mit der klaren und festen Tendenz, fern von jeder Phrasenschneiderei und jedem Aufstellen unnützer Theoreme, die wirkliche Bedürfnisse des weiblichen Geschlechts ins Auge zu fassen und jene Erfahrungen zu verbreiten, welche zu der praktischen und endgültigen Lösung der aufgeworfenen Fragen führen.”



Sigrid Schüttrumpf, Schauspielerin am Staatstheater Darmstadt

Sigrid Schütrumpf schloss die Vorträge mit dem Nachruf der Frauenrechtlerin Marie Calm auf Luise Büchner, „der rüstigen Vorkämpferin für Frauenbildung, der begabten Dichterin, der edlen, liebenswürdigen Frau”.











Die Deutsch-Niederländische Pianistin Susanne Hardick

Mehr als eine Begleitung war das Klavierspiel der wunderbaren Susanne Hardick, die mit hervorragend ausgesuchter Musik und kraftvollem Spiel brillierte.


Schließlich sprach die frühere Lehrerin Gisela Scheiber, Präsidentin der Darmstädter Soroptimist International, darüber, wie sehr sie dieser Nachmittag angeregt hat, sich mit Luises Büchners Werk und dessen manchmal verblüffender Aktualität auseinanderzusetzen. Sie überbrachte neben Grüßen eine Geldspende ihres Vereins von 1.500 €, die bei einem Flohmarkt und der Versteigerung eines Bildes für das Projekt „Ein Denkmal für Luise Büchner” zusammengekommen sind. 


Gisela Scheiber, Präsidentin von Soroptimist International Darmstadt, übergibt einen Spendenscheck




Gisela Scheiber und Kerstin Kranich (links) mit dem erfolgreich versteigerten Bild der Künstlerin Barbara Bredow



Mit der erfolgreichen Veranstaltung wurde ein wichtiger Meilenstein für die nötige Finanzierung des geplanten Denkmals gesetzt. In den nächsten Wochen werden Vorstandsmitglieder die beauftragte Künstlerin in Berlin aufsuchen und den Entwurf mit ihr besprechen; im Herbst wird die Werbung für die Finanzierung fortgesetzt und voraussichtlich zum Gründungsjubiläum der Darmstädter Alice-Vereine im Sommer 2017 kann das Denkmal errichtet werden. 


Die Luise Büchner-Gesellschaft in Darmstadt widmet sich seit 2010 der  

  • Forschung und Publikation zur Geschichte der Frauen,
  • Erhaltung und Pflege des Werkes der Schriftstellerin, Journalistin und Frauenpolitikerin Luise Büchner,
  • Pflege der Erinnerung an das Leben und Werk der Geschwister von Georg Büchner
  • Förderung der Luise-Büchner-Bibliothek des Deutschen Frauenrings e.V. durch Beschaffung wichtiger Werke zur Frauengeschichte.
Herzlich willkommen sind neben Spenden für das Denkmal-Projekt auch ständig neue Mitglieder, die damit das reichhaltigeVeranstaltunsgprogramm (in Kürze erscheint das Angebot II/2016) unterstützen (und vergünstigt besuchen können).

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