Sonntag, 5. Juni 2016

Hin, bevor sie weg sind! „Das imaginäre Museum” im Frankfurter mmk2


Das Frankfurter Museum für Moderne Kunst ist Darmstädtern ja schon deshalb dringend zum regelmäßigen Besuch anzuraten, weil es als Grundstock eine Sammlung beherbergt, die ihnen wegen Ignoranz und Dilettantentum verloren ging. Es war nämlich bekanntlich nicht gelungen, binnen mehr als einem Jahrzehnt das den Ströhers als Dauerleihgeber versprochene, angemessene Ausstellungsgebäude zu errichten. Als schließlich der ungeliebte „Kargel-Bau” doch noch fertig wurde, waren die Bilder bereits abgezogen und schmücken heute das „Tortenstück” des Museums für Moderne Kunst - mmk - im Schatten des Frankfurter Doms.



Cooler Eingang im coolen Café zur coolen Ausstellung


Seit einiger Zeit unterhält dieses tolle Museum auch noch zwei „Dependancen” als mmk2 (mehr unten) und mmk3 (direkt gegenüber im ehemaligen Frankfurt Hauptzollamt). Zur Entstehung heißt es auf der Website:


„Die Immobilienentwickler des TaunusTurms haben dem MMK diese Fläche für 15 Jahre miet- und nebenkostenfrei zur Verfügung gestellt. Die Kosten für den Betrieb der neuen Dependance übernehmen die Gründungspartner des MMK 2 und weitere private Förderer. Damit ist das MMK 2 ein innovatives und ökonomisch nachhaltiges Modell der Museumserweiterung, das aus vorhandenem Raum und mit vereinten Kräften starker und engagierter Partner etwas Neues entstehen lässt. ... Die neue Dependance des MMK, das MMK 2, präsentiert im TaunusTurm zweimal im Jahr wechselnde Ausstellungen mit Werken aus der Sammlung unter aktuellen thematischen Schwerpunkten. Künstlerische Arbeiten aus den umfangreichen Beständen des MMK werden zu aktuellen Fragestellungen in Beziehung gesetzt und mit Neuproduktionen ergänzt. Dieses speziell für das MMK 2 entwickelte Ausstellungsformat bewegt sich zwischen Sammlungspräsentation und temporärer Themenausstellung. Der Ausstellungswechsel nach sechs bis acht Monaten erlaubt die Entwicklung vielfältiger Szenarien und bietet langfristig die Möglichkeit, die vielen verborgenen Schätze der Sammlung sichtbar zu machen und sie in neue Zusammenhänge zu stellen.”


Ich weiß nicht, ob und wie dieses Modell auch Kritik verdient hat; der Ort präsentiert sich jedenfalls ganz wörtlich „cool” mit Zugang durch ein ebensolches Café, in dessen Hintergrund ein Aufzug in den zweiten Stock transportiert. Dort habe ich gestern die Ausstellung „Das imaginäre Museum” gesehen. Auf der Museumswebsite heißt es:

„Den konzeptuellen Ausgangspunkt für diese Ausstellung bildet eine Zukunftsvision: Wir schreiben das Jahr 2052. Die Museen sind von der Auslöschung bedroht und die Kunst verschwindet aus der Gesellschaft. Vor dem Hintergrund eines solchen Science-Fiction-Szenarios werden über 80 Hauptwerke der zeitgenössischen Kunst vereint. Drei große europäische Sammlungen verbinden sich zu einem transnationalen Museum auf Zeit. Die Bandbreite der gezeigten Werke reicht von bedeutenden künstlerischen Positionen aus den 1920er-Jahren bis in die jüngste Gegenwart. Unter anderem sind Arbeiten von Louise Bourgeois, Marcel Duchamp, Isa Genzken, On Kawara, Claes Oldenburg, Sigmar Polke, Bridget Riley, Andy Warhol und vielen mehr zu sehen.
Die Ausstellung ist inspiriert von Ray Bradburys 1953 erschienenem Science-Fiction-RomanFahrenheit 451 und dessen legendärer Verfilmung von François Truffaut. Bradbury entwirft das Bild einer Zukunft, in der literarische Werke aus der Gesellschaft verbannt sind. Die einzige Möglichkeit, sie für nachfolgende Generationen zu bewahren, liegt darin, die Werke zu erinnern. Die AusstellungDas imaginäre Museum führt in eine Zeit, in der die präsentierten Kunstwerke kurz vor ihrer Vernichtung stehen. So wie Bradburys „Büchermenschen“ die literarischen Werke nur durch Auswendiglernen vor dem Verschwinden bewahren können, lädt die Ausstellung die Besucher dazu ein, sich die gezeigten Werke einzuprägen. Die Betrachter können sich die Werkbeschriftungen mitnehmen und um ihre persönlichen Erinnerungen in Form von Skizzen, Notizen oder Zeichnungen ergänzen.
Der Ausstellungstitel verweist auf das „Musée imaginaire“ des französischen Schriftstellers und Politikers André Malraux (1901–1976), der die These vertrat, dass sich ein jeder durch die fotografische Reproduktion von Werken sein persönliches Museum zusammenstellen könne – losgelöst von Zeit und Raum. „Das imaginäre Museum“ schafft, so Malraux, eine Kunst der Fiktion, in der die Wirklichkeit wie in Romanen von der Fantasie abhängig ist.”


Ich war schon im Vorfeld von der Idee beeindruckt, Bradburys Idee von den „lebenden Büchern” auf Bilder zu übertragen, und finde sie ganz hervorragend umgesetzt. Die leihgebenden Museen sind ein Garant dafür, dass hier Erstklassiges gezeigt wird, und dass Claes Oldenburgs „Soft Typewriter. Ghost Version” und Warhols „100 Campbell's Soup Cans” die Provenienz „Ehemalige Sammlung Karl Ströher, Darmstadt" tragen, kann dann - s.o.- zugleich melancholisch und auch ein bisschen stolz („kenn' ich seit Jahrzehnten ...”) machen.




Blick in die Ausstellung. Rechts Sigmar Polkes „Potato Machine”,
links Boettis „Order and Disorder”,
im Hintergrund Ron Muecks befremdlicher Teenager 





Boetti, Order and Disorder, Detail

Uns Laien werden die Kunstwerke und ihre Bedeutung auf eine unbedingt weltweit kopierwerte Art ganz wörtlich nahe gebracht: Fotografieren ist erlaubt, und die Beschreibung ist auf Abreißblöcken zum Mitnehmen gedruckt, was neben dem „getrost nach Hause tragen können” den weiteren ungeheuren Vorteil hat (besonders gegenüber uns, die gerade vom Gegenteil besucherfreundlicher Beschilderung im Liebieghaus kamen): es bedarf zum Lesen weder Verrenkungen noch eines Vergrößerungsglases! In einem Video stellt der Kurator Peter Gorschlüter hier auf youtube die Ausstellung und ihr Programm ausführlich vor.



Bildbeschreibung als Abreissblock - 
das will ich immer und überall haben! 


Bis zum September werden jetzt also Stück für Stück dieser außergewöhnlichen Kunstwerke materiell verschwinden und danach in Frankfurt nur bestehen bleiben können, wenn sich Menschen finden, die sie „imaginieren” im wunderbar-wörtlichen Sinn dieses schönen Wortes.

Neben Begleitveranstaltungen, bei denen unter anderem die Kunst des Erinnerns gelehrt werden soll, können sich alle Interessierte hier als „Bildermensch” bewerben und damit Teil dieser Idee werden.

Und zur Unterstützung in den „sozialen Medien” sollen Besuche und Eindrücke den Hashtag

  #ImaginedMuseum 


tragen - bitte sehr!

Allen McCollum: Plaster Surrogates

Nachtrag am 13. 9. 2016: 

Zum Finale schreibt Sandra Danicke hier in der Frankfurter Rundschau:

Man versucht, sich zu erinnern und vergleicht das Ergebnis mit den Werkbeschreibungen, die noch immer als Zettel an den Wänden hängen. Die Bilanz fällt beschämend aus. Viel mehr als man dachte, hat man vergessen.” 







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