Donnerstag, 25. Februar 2016

Denkmalschutz auf pfungstädterisch: Sanieren durch Abriss


In Pfungstadt ist offenbar gerade eine Art von Nachkarneval ausgebrochen. Die beiden großen Parteien haben entschieden, den Begriff Innenstadtsanierung auf die Art und Weise zu interpretieren, die sie am besten beherrschen: Entfernung des Alten ohne Strategie für das Neue.

So ist seit den sechziger Jahren ein Schmuckstück der Stadtgeschichte nach dem anderen ohne Not verschwunden und durch Gesichtsloses ersetzt worden. 
Pfngstadt, Borngasse. In der Mitte die Anwesen, die zum Bau
der Volksbank in den sechziger Jahren geschleift wurden
Die Hofreiten Ecke Mittelgasse/Borngasse und das gegenüberliegende Fachwerkhaus Ecke Borngasse/Kirchstraße, beide nicht zuletzt von einiger Bedeutung durch ihre jüdischen Besitzer, wurden dem Erdboden gleichgemacht. An Stelle des einen steht heute das Siebziger-Jahre-Bauverbrechen der ehemaligen Volksbank, das diese der Kommune als »Stadthaus 2« abgetreten hat. An Stelle des anderen klafft an Stelle des abgebrochenen »Haus Jeidl« ein unbedeutendes Plätzchen wie eine Lücke im Gebiss. Der Malzfabrik, deren Turm wenige Meter weiter als ein Ausrufezeichen unfähiger Innenstadtentwicklung zu einem traurigen Wahrzeichen der Gemeinde wurde, wurde in jüngster Zeit an Stelle der nächsten beseitigten Fachwerkhäuser eine in Beton gegossene Rücksichtslosigkeit erlaubt, die jeder Beschreibung spottet. Das Gelände des Unternehmens, das schon vor Jahrzehnten hätte in die Ortsperipherie verlegt werden müssen, umschließt mit Krakenarmen das heute kaum noch zu identifizierende älteste Haus Pfungstadts, das ehemalige Pfarrhaus aus dem 16. Jahrhundert. 
Pfungstadt, Borngasse. Ehemaliges Pfarrhaus.
Ältestes erhaltenes Haus der Stadt. 
 
Wieder wenige Schritte weiter gähnt ein gesichtsloser Parkplatz am Ort des jüdischen Internats, das als städtisches »Armenhaus« zugrunde gerichtet wurde und schließlich dem Bagger zugunsten eines Parkplatzes weichen musste. 
Pfungstadt, Mainstraße. Ehemaliges Jüdisches Institut.
1893 kurzfristig Wirkungsstätte Chaim Weizmanns, des späteren ersten Präsidenten Israels. 
Jetzt soll ein weiterer Nagel in den Schandpfahl der Stadtzerstörung eingeschlagen werden: die Reste der Ziegelsteinhalle des Wasser- und Elektrizitätswerks, von der bereits vor Jahrzehnten eine Hälfte weggeschafft wurde und die bisher allen »städtebaulichen Initiativen« widerstand, sollen nun endlich verschwinden, angeblichen Denkmalschutzauflagen geschuldet soll nur die Fassade sinn- und funktionslos stehen bleiben. 
Das ehemalige E-Werk in der Stadtmitte. Zustand noch mit dem
(späteren) Schlauchtrockenturm, der inzwischen entfernt wurde
Diese Baumaßnahme soll aus Landesmitteln der Innenstadtsanierung finanziert werden, die der Gemeinde bisher schon so nützliche Errungenschaften verschafft hat wie die Pflasterung zahlreicher Straßen mit rotem Beton, auf dem Gehbehinderte wanken und Rollstühle und Kinderwagen zu unkontrollierten Aktionen neigen oder Bürgersteige, deren »Breite« von kaum einem Meter unvermittelt auf weniger als 30 cm (!) schrumpft. 
 
Das Gebäude, mit dem die Stadt um 1911 nicht nur die örtliche Wasser- und Elektrizitätsversorgung organisierte, sondern das gleichzeitig auch mittels eines Erdkanals die naheliegende Schule und eines der ersten hessischen Hallenbäder (das übrigens als Sporthalle über dem zugeschütteten Jugendstilbecken einen Dornröschenschlaf schläft, der durchaus nicht unumkehrbar sein muss ...) mit Wärme versorgte, ist ein Industrie- und stadtgeschichtliches Denkmal allererster Güte. 
Dabei ist nicht in erster Linie das kleine Verwaltungshaus schützenswert, das im Typus des Pfungstädter Ziegelsteinbaus der Zeit durchaus ein ansehnliches Gebäude darstellt, und auch nicht nur die immerhin als unbestritten schutzwürdig anerkannte Hallenfassade, sondern ganz besonders die bisher kaum oder gar nicht erwähnten Reste der eigentlichen Industrieanlage: unter dem teils noch mit den originalen Kacheln belegtem Fußboden der Halle verbirgt sich ein Kellerlabyrinth, das Heiz- und Abluftkanäle, die Verbindung zu den gegenüberliegenden Brunnen und den Zugang zum fast völlig erhaltenen Versorgungskanal beherbergt. 
 Es steht außer Frage, dass gerade diese erhaltenen Strukturen die Denkmalwürdigkeit der Anlage ausmachen, auch wenn sie möglicherweise dem allgemeinen Schönheitsempfinden nicht entsprechen. Es ist kein Zufall, dass diese Keller in den bisherigen Diskussionen keine Rolle spielen - tatsächlich können sie nämlich nicht nur die Abrisspläne der Stadtverordneten, sondern auch die teils hochfliegenden Pläne der Kulturzentrums-Befürworter erheblich behindern. Ernst genommener Denkmalschutz muss von dem Industriedenkmal aber alles sichern, was seine historische Verwendung dokumentiert. Dass bei der Sanierung des Vorplatzes der evangelischen Kirche in den letzten Jahren der bis dahin hundert Jahre lang stabile Versorgungskanal eingestürzt und zerstört wurde, war vermeidbar und ist nicht zu verzeihen. Jetzt macht man sich daran, das Zerstörungswerk fortzusetzen. Mit der Behauptung, dabei gehe es »nur« um den Abriss einiger oberirdischer Ziegelsteinwände, die den Erhalt nicht wert seien, wird dabei der eigentliche Wert des Denkmals klein geredet oder bewusst geleugnet.
Tatsächlich hat Pfungstadt eine bewahrenswerte Stadtgeschichte, besonders aus den Jahren 1848 bis 1918, die für die Industrialisierung Deutschlands sowohl exemplarisch wie vorbildlich ist und immerhin an wenigen Stellen erhaltene authentische Orte hat: 
 
Pfungstadt, früheres Hallenbad.
Das Becken liegt zugeschüttet unter der heutigen Trainingshalle
dazu gehören die Überreste des kleinen Hallenbades ebenso wie das Maschinenhaus der Brauerei mit den Teilen der großen Dampfmaschine, die die erste elektrische Kühlung von Justus Hildebrands Brauerei betrieb, 
Das Schwungrad der Dampfmaschine in der Maschinenhalle der Pfungstädter Brauerei
die Villa, die sich der Unternehmer Wilhelm Büchner 1862 auf dem Gelände seiner »Blaufabrik« errichten ließ, 
 
Villa Büchner zu Beginn der Sanierungsarbeiten 2002.
Der Baum ist mittlerweile gefällt ...
 
und eben das Wasser- und Elektrizitätswerk mit allen Überresten der damals hochmodernen Technik. 
Es bleibt zu hoffen, dass die Denkmalschutzbehörden die Stadtverordneten deutlich an ihre Pflichten erinnern. Mit der Halle des E-Werks und ihren historischen Kellern verlöre Pfungstadt erneut ein Stück seiner Geschichte. Und erneut würde noch nicht einmal Zukunftsweisendes an seine Stelle treten - sondern nur Fassade.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen