Samstag, 3. Dezember 2016

Echter Büchner in falschem Leder gefällig?

Die Wissenschaftliche Buchgesellschaft (wb) ist die Eigentümerin des traditionsreichen Verlags Lambert Schneider. Dort wie in den weiteren Verlagen der Gruppe (Philipp von Zabern und Theiss) erscheinen regelmäßig Lizenzen der wb, andrerseits produziert die wb Buchgemeinschaftsausgaben der „Originalverlage". Zu den „Büchnerjubiläen" 2012/13 legte die wb eine Werkausgabe Georg Büchners auf, die die Texte der ebenfalls dort erschienenen (und vor einiger Zeit ebenfalls verramschte) große Werkausgabe der Mainzer Akademie („historisch-kritische Marburger Ausgabe”) bietet. Als Herausgeber zeichnen die Herren Beise, Fischer und Funk (Details zu Vita und Werk bietet die hier verlinkte Verlagsanzeige). Die Ausgabe stellt sich neben einige weitere, ebenfalls lieferbare Werkausgaben Georg Büchners; ich persönlich schätze immer noch sehr Henri Poschmanns Ausgabe, zur Zeit im Deutschen Klassikerverlag der Suhrkamp-Gruppe kartoniert in zwei Bänden für 28 € zu kriegen. Die Lambert-Schneider-Ausgabe gibt es zur Zeit beim Verlag in zwei Varianten: die eine zum Sonderpreis von 19,90 (statt früher 39,90). Das ist für eine ordentlich gebundene, zitierfähige Ausgabe ein guter Preis. Ebenfalls lieferbar ist das gleiche Werk dort in einem „Leder"-Einband. Dieses „Leder" ist genau gesagt „Capra"-Leder (auch wenn der Verlag das nirgends erwähnt, mehr dazu unten), das wikipedia sehr schön so beschreibt: „Lederfaserstoff, abgekürzt auch Lefa genannt, ist ein Werkstoff, der aus Chromfalzspänen und zerkleinerten, pflanzlich gegerbten Lederresten der lederverarbeitenden Industrie (Sohlenherstellung, Reitsport- und Orthopädielederherstellung), Naturlatex (Bindemittel), natürlichen Fetten und Gerbstoffen hergestellt wird. Diese „Liebhaberausgabe” kostet sage und schreibe 199 €, ist auf 333 nummerierte Exemplare beschränkt und - hat sich wohl nicht so gut verkauft ... Mitgliedern bietet die wb zur Zeit nämlich dieses Prachtwerk (incl. einer Originalgrafik), ebenfalls aus einer Auflage von 333 Exp (wohl nicht die gleichen 333, sondern mit andersfarbigem Einband eine weitere Auflage...) für gerade noch 49 € (statt früher mal 149 €). Nur in einem online-Antiquariatsangebot des Lambert Schneider-Titels finde ich die korrekte Beschreibung Capra-„Leder”, der Kollege verlangt für sein Exemplar 162,40 €, das könnte sein Einkaufspreis gewesen sein. Es ist und bleibt unseriös, piefige Ausgaben als „besonders” oder „exklusiv” anzubieten und unerfahrenen Kunden vorzugaukeln, damit etwas „werthaltiges” anzuschaffen. Capraleder ist zusammengekloppte Resteverwertung und hat mit einem anständigen Ledereinband so wenig zu tun wie Aldi-Sneakers mit handgearbeiteten Budapestern.
Das Antiquariat „Die Schmiede” bietet übrigens für die, die eine echte, wertvolle Büchner-Ausgabe besitzen wollen, die sehr seltene und gesuchte „Franzos-Werkausgabe” von 1879 für gerade mal 425 € an (das Bild im Titel stammt daraus). Später (wohl um 1900) gebunden, aber immerhin in echtem Halbleder. Und das Antiquariat Dorner bietet die Ausgabe des „Hessischen Landboten” von 1896, für die der Herausgeber Eduard David vor Gericht gebracht wurde, für nicht mehr als 22 € an. Zusammen mit der Poschmann-Ausgabe ist das für keine 500 € schon ein guter Grundstock einer kleinen Büchner-Bibliothek.

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